|
|
Regisseur Schauspiel Oper |
|
|
|
|
| Botho
Strauß
*1944
Schlusschor Das Stück besteht aus drei nahezu
vollständig
voneinander losgelösten Akten, die jeweils eine Gruppe von
Menschen
portraitieren. Im ersten Akt mit dem Titel Sehen und gesehen werden
sind
es 15 Männer und Frauen, die für ein Gruppenfoto posieren.
Während
der Fotograf die richtige Einstellung sucht, unterhalten sich die in
vier
Reihen aufgestellten Personen durcheinander. Es sind zusammenhanglose,
einzelne Gesprächsfetzen, die von jedem beliebigen Betriebsausflug
stammen könnten. Der Fototermin zieht sich in die Länge
(Fotograf:
"Ich fotografiere euch so lange, bis ihr ein Gesicht seid. Ein Kopf –
ein
Mund – ein Blick. Ein Antlitz!"), die Gruppe wird ungeduldig und
fängt
an, absurde Drohungen gegen den Fotografen auszustoßen. Nach
einer
"Kanonade kurzer lauter Befehle" wird es dunkel. "Wenn es wieder hell
wird",
so die Regieanweisung, "liegen vom Fotografen nur noch ein Bündel
Kleider und die Schuhe auf dem Boden". – Der zweite Akt trägt den
Titel Lorenz vor dem Spiegel (Aus der Welt des Versehens). Lorenz ist
Architekt
und irrt sich in der Wohnung seiner Auftraggeberin Delia in der
Tür.
Dabei überrascht er die nackte Delia im Bad – ein banaler
Zwischenfall
mit tragischem Ausgang. Im anschließenden Gespräch –
eigentlich
über den Ausbau ihres Dachgeschosses – kommt die Sprache in
zunehmend
manierierter werdendem, mythisch überhöhtem Ton immer wieder
auf die versehentliche Begegnung im Bad zurück. Während
Lorenz
Delias unverhüllte Schönheit mit Kunstwerken vergleicht,
gemahnt
sie ihn an das Schicksal von Actaeon, den die Jagdgöttin Diana,
nachdem
er sie im Bad erblickt hatte, in einen Hirsch verwandelte und der
sodann
von seinen eigenen Hunden zerfleischt wurde. Die zweite Szene spielt in
der Garderobe einer Villa, die nach und nach von den Gästen einer
Party – mal einzeln, mal paarweise – aufgesucht wird: von der "Frau in
Schilfgrün", der "Unbedachten", dem "Bitteren Mann".
Bruchstücke
der Party-Konversation sind zu hören. Unter den Gästen
befindet
sich auch Lorenz, der Architekt, der immer wieder vor den großen
Garderobenspiegel tritt, um sich Mut zu machen für seine Begegnung
mit Delia. Als er, nach einem offenbar mißlungenen Auftritt,
gerade
gehen will, erscheint Delia im Spiegel, "nackt wie zu Beginn, in
derselben
Pose". Da erschießt sich Lorenz. – Der dritte Akt, Von nun an,
spielt
in einem Restaurant. Zwischen der Konversation der Gäste
verkündet
"Der Rufer", der schon im 2. Akt immer wieder mit einem gebrüllten
"Deutschland" auf sich aufmerksam machte, den Fall der Mauer. Ein Paar
von drüben taucht auf, und die Adlige Anita von Schastorf
hängt
ihren monarchistischen Träumen nach. Das Stück endet damit,
daß
Anita einen Steinadler aus dem Zoo befreit, um ihn anschließend
zu
töten.
![]() Anne Schmidt-Krayer in Schlußchor, Botho Strauß Karlsruhe 1991 Drei Menschengruppen, gleichsam drei Chöre, die aber nicht im Einklang singen, sondern, aufgelöst in mehr oder weniger gesichtslose Figuren, Banalitäten von sich geben, dazwischen zwei Tote und – fulminanter Abschluß – das abgeschlachtete Wappentier der Bundesrepublik – doch alles scheint gleichermaßen bedeutend oder unbedeutend, die kleinen privaten Geschichten ebenso wie die mitunter heraufbeschworenen Mythen und – der historische Augenblick des Mauerfalls. Benjamin Henrichs hat das Stück "die Mikroskopierung des Mikrodramas" genannt: "die kürzesten und schnellsten Stücke der Welt: jeder Satz ein Drama für sich." Zugleich sieht er darin "so etwas wie die Schlußversammlung aller bisher bekannten Botho-Strauß-Gesichter und - Gefühle. Ein Scherbenhaufen, ein Wühltisch, eine Krabbelkiste der schönsten Sätze und Effekte. Kein "Museum der Leidenschaften", sondern ein Bazar der Bagatellen.". Zurueck / back |
|
|