ueber mich
Fritz Gross
Regisseur Schauspiel Oper
Oper
Schauspiel
Links

Sternheim, Carl (1878-1942)
Der Snob
Im zweiten Teil seiner "Maske"-Tetralogie karikiert Sternheim den planmäßig betriebenen und rücksichtslos in die Tat umgesetzten Aufstieg des zu Reichtum gelangten Kleinbürgers in die Spitze der wilhelminischen Gesellschaft. – Dem 36 jährigen Christian Maske, Sohn Luises und Theobalds, fehlt zum wirtschaftlichen Erfolg noch die gesellschaftliche Anerkennung. Da sich dazu seine einfache Herkunft als Hemmnis erweist, beschließt er, mit dem kleinbürgerlichen Milieu seiner Vergangenheit zu brechen: "Daß es falsch wäre, durch Hervorzerren der Erzeuger den Abgrund zwischen Herkommen und errungener Stellung offenbar zu erhalten, liegt auf der Hand." Er schlägt dazu seinen Eltern ein Tauschgeschäft vor: Für die Erstattung ihrer Aufwendungen für ihn sollen sie seinem Umzug in die Schweiz zustimmen und jeglichen Kontakt mit ihm aufgeben. Seine Geliebte, die ihn in den Umgangsformen der Gesellschaft unterwiesen hat, wird für ihre Dienste mit einer großzügigen Summe abgefunden.

Damit glaubt Christian die Voraussetzungen für den Eintritt in die Welt des Adels geschaffen zu haben, und in der Tat gelingt die Verbindung mit Marianne, der Tochter des Grafen Palen. Als Christian jedoch bemerkt, daß es in adligen Kreisen als "schick" gilt, die eigene Leistung durch das Bekenntnis einer schlichten Herkunft zu unterstreichen, lädt er seine Eltern zu seiner Hochzeit ein. Theobald Maske, der dem Sohn bei seiner Ankunft den Tod der Mutter mitteilt, mißbilligt zunächst die Heirat, da er darin die Verletzung geheiligter Standesschranken sieht. Schließlich aber siegt in ihm die Genugtuung über die erfolgreiche Karriere Christians, die ihm als Befriedigung eigener geheimer Aufstiegssehnsüchte gilt. Das kleinbürgerliche Auftreten des alten Maske nimmt die adlige Gesellschaft in amüsierter Haltung hin. Christians gesellschaftlicher Aufstieg ist gelungen und jeder Widerstand der Braut überwunden, als er unter Erinnerung an die Episode mit der Hose (Die Hose) die Ehre seiner Mutter preisgibt und seine angebliche Abstammung vom französischen Adel andeutet. 

Sternheim registriert in diesem Stück sehr genau den beginnenden Abstieg des Adels in der sich entwickelnden Industriegesellschaft. Christians übertriebene Anpassungsversuche sind letztlich überflüssig, da es allein sein Reichtum ist, die ihm die Anerkennung des verarmten Grafen sichert.


Textauszug
Snob
Möbliertes Zimmer Christian Maskes.
Erster Auftritt
CHRISTIAN erbricht einen Brief: Das ist grotesk!
An der Tür:
Komm heraus, Sybil.
SYBIL tritt auf:
Was gibt's Wichtiges?
CHRISTIAN:
Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard geleistet. In der Klemme verlangt er »Verauslagung der durch geburtshilfliche Praktiken ihm erstandenen Verpflichtungen« von mir. Was sagst du?
SYBIL:
Nichts, als ich möchte durch dich in gleicher Lage wie jene Frau durch deinen Erzeuger sein.
CHRISTIAN:
Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird von mir aus ein unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner - ich habe auch mit dir zu reden.
SYBIL:
Ich muß heim.
CHRISTIAN:
Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt. Vier Jahre, die du mit mir lebst, sahst du mich von Tag zu Tag meinem Ziel näher kommen.
SYBIL:
Du hast wie ein Neger gearbeitet.

Bild: Hans Georg Körbel, Barbara Stoll, Karlsruhe 1993

CHRISTIAN:
Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen Minen prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in der Sitzung des Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich zum Generaldirektor der Gesellschaft zu ernennen, wird von den Aktionären akzeptiert.
SYBIL:
Welcher Erfolg!
CHRISTIAN:
Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte, als sie niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel, an Möglichkeiten des Vermögens und sozialer Stellung für mich voraussehe, ist glänzend.
SYBIL:
Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente, machte dem traurigen Studium der Philologie ein Ende?
CHRISTIAN:
Du hobst mich aus tiefstem Elend, lehrtest mich Kleider anständig tragen, gabst mir, soweit es in deiner acht stand, Umgangsformen.
SYBIL:
Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen und ausgefransten Ärmeln!
CHRISTIAN:
Gabst dich selbst und Geld bisweilen.
SYBIL:
Entscheidendes zuletzt - mich selbst. Lebenssache.
CHRISTIAN:
Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen, wie tief ich dir verpflichtet bin; an so entscheidendem Tag zurückblicken…
SYBIL:
Laß das.
CHRISTIAN:
Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und es für immer zu vergessen.
SYBIL:
Das wäre bequem.
CHRISTIAN:
Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß aus dem vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses Buch habe ich nach bestem Wissen und Gewissen aufgezeichnet, was du an Aufwendungen für mich geleistet. Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst.
SYBIL:
Christian!
CHRISTIAN:
Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, sind ins Auge gefaßt, und ich kam auf eine Summe von vierundzwanzigtausend Mark, die ich dir schulde, und die du heut überwiesen erhältst.
SYBIL nach einer Pause:
Mit Empfindlichkeiten zu kommen ...
CHRISTIAN:
Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen, mit eisernem Besen aus mir herausgekehrt hast. Heut ist Abrechnung. Kein Fehler in der Addition und im Kalkül! Unsere Be/ichungen im Vergangenen sind durch meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem Inneren Charakter erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche Begründung vor mir selbst nicht mehr. Den nötigen Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen Stellung zu haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend ändern. Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ...
SYBIL:
Er heißt?
CHRISTIAN:
Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft. Die genannte Summe und eine monatliche Apanage zwischen uns gesetzt, sorgt dafür.
SYBIL:
Ich bin in Empfindungen zerrissen.
CHRISTIAN:
Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur schmerzt es, sie auf dich angewendet zu sehen. Ich trete in öffentliches Leben. Nirgends ein Fehler im Kalkül.
SYBIL:
Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte...
CHRISTIAN hält ihr den Mund zu:
Und so weiter.
SYBIL:
Bin ich in deinem Leben der einzige Punkt, der für die Zukunft bedenklich ist? Gibt es nichts, das dich entscheidender in deinem Trieb, bürgerliches Ansehn zu gewinnen, stören könnte als ich in bisheriger Stellung zu dir?
CHRISTIAN:
Du weißt es.
SYBIL:
Willst du folgerichtig handeln ...
CHRISTIAN:
Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin, Erscheinung und Gedankenwelt, dafür bürge ich der Welt. Aber meine Eltern, dir ist es bekannt, sind Leute aus dem Volk.
SYBIL:
Tauchst du also jetzt in Welt auf ...
CHRISTIAN:
Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du weißt, ich kann's. Leute aus dem Volk. Meine gute Mutter besonders.
SYBIL:
Sie konnten dir gesellschaftlich Primitivstes nicht beibringen.
CHRISTIAN:
Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein besonders ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch Hervorzerren der Erzeuger den Abgrund zwischen Herkommen und errungener Stellung offenbar zu erhalten, liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos.
SYBIL:
Und da du heut nur guten Geschmack anbetest...
CHRISTIAN:
Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen Vergangenheit wirken nicht. Was weiß jemand von deinen Eltern? Du hast sie einfach unterschlagen, still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus? Hieß er wirklich Hull?
Er lacht.
Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte in jedem Fall Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter von ihm ausging. Du unterbrachst mich mit Zwischenrede. Die Differenz zwischen Herkunft und Heute ist erläutert. Doch kommt hinzu: das Bewußtsein, überhaupt zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner Rüstung ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus mir entstand, wie ich nur auf mich beziehe, für mich hoffe und fürchte, muß ich frei sein von Rücksicht auf jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich Vater und Mutter.
SYBIL:
Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie fortbleiben?
CHRISTIAN:
Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst.
SYBIL:
Du hast gelernt mit Geld umgehen.
CHRISTIAN:
Ich habe allerhand gelernt.
SYBIL:
Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar schweren Herzens zustimmen.
CHRISTIAN:
Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind einig?
SYBIL:
Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus gewisser Entfernung mit einer Spur Unterwürfigkeit sehen.
CHRISTIAN:
Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, spricht man sie aus; wenn man sie tut.
SYBIL:
Doch an Klarheit.
CHRISTIAN:
Kluger Kopf.
SYBIL:
Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der Rechnung meines Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend für deinen Besitz jetzt.
CHRISTIAN:
So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm den Kuß umsonst. - Du hast mir die Krawatte verschoben.
SYBIL:
Sie saß schon vorher infam.
CHRISTIAN:
So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht: den tadellosen Sitz einer Krawatte. Zeig ihn mir zum hundertsten Mal.
SYBIL bindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase. Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unterlegen des einen Endes als Masche. Durchziehen des anderen drittens.
CHRISTIAN:
Steht rechts ein Stück vor.
SYBIL:
Man schneidet's mit der Schere fort.
CHRISTIAN:
Kostet jedes Binden eine Krawatte.
SYBIL:
Und bringt ein: Die Anerkennung der Verstehenden.
CHRISTIAN:
Worauf es überall ankommt.
SYBIL, tiefer Knicks:
Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor.
CHRISTIAN:
Keinen Scherz.
SYBIL:
Ich habe ganz begriffen.
Sybil exit.


Zurueck / back
Home | ueber mich | Schauspiel | Oper |Links | E-mail