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Fritz Gross
Regisseur Schauspiel Oper
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Sternheim, Carl (1878-1942)
Die Hose
Das Stück eröffnet Sternheims Tetralogie (Der Snob, 1913, Das Fossil) über den Aufstieg des Kleinbürgers Theobald Maske in die Welt von Großfinanz und Aristokratie und gilt als das wichtigste Werk aus dem dramatischen Zyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben", in dem er die bürgerliche Gesellschaft seiner Zeit einer satirischen Analyse unterwirft. 

Der Beamte Theobald Maske befürchtet einen Skandal, da seine Frau auf offener Straße jenes in der Wilhelminischen Zeit kaum aussprechbare Kleidungsstück verloren hat, das dem Stück den Titel gibt. Um mögliche finanzielle Nachteile abzuwenden, beschließt Maske, Untermieter aufzunehmen, den gewandten Literaten Scarron sowie den schwächlichen Friseur Mandelstam. Beide sind aber, als Zeugen des peinlichen Vorfalls, vor allem an Maskes Frau Luise interessiert, die sich besonders dem Werben des "romantischen Dichters" nicht abgeneigt zeigt, der sie jedoch während einer Diskussion über Nietzsches "Übermenschen" vergißt. Als eigentlicher Sieger geht Maske aus den Geschehnissen hervor; er verführt die Nachbarin und eröffnet seiner Frau anschließend, während er Anweisungen zur Zubereitung des Sonntagsbratens gibt, daß er sich nun auch finanziell in der Lage sehe, "ihr ein Kind zu machen". 

Das Lustspiel, anfänglich "aus Gründen der Sittlichkeit" verboten, zählt zu S.s erfolgreichsten Stücken, in denen er kleinbürgerlichen Geltungsdrang und verdrängte sexuelle Wünsche unter der "Maske" gesellschaftlicher Anpassung und Unscheinbarkeit entlarvt. "Meine Unscheinbarkeit ist eine Tarnkappe, unter der ich meinen Neigungen, meiner innersten Natur ungehindert frönen kann" (Maske).



Textauszugaus: Erster Aufzug, 10. Auftritt
Die Hose

Theobald und Scarron kommen zurück:
THEOSALD:
Herr Scarron ist einverstanden. Würdigt die Vorzüge des Zimmers, gibt zwölf Taler. Übrigens beabsichtigt er, es nur Stunden über Tages zu benutzen.
SCARRON:
In der Tat.
THEOBALD:
Für wichtige Arbeiten, die er im Trubel der belebten Straße, die er bewohnt, nicht vollenden kann.
SCARRON: ,
In der Tat.
THEOBALD:
Ich durfte ihn versichern, wir werden alles aufbieten, ihm den Aufenthalt angenehm zu machen. Meine Frau, werter Herr, besitzt die Geschicklich- keit, das Zartgefühl und die Zuvorkommenheit einer Person aus besserem Bürgerstand, und Gewißheit tüchtiger Herkunft gibt uns wohl einen gewissen Stolz, trotzdem scheuen wir, meine Frau besonders, nicht leicht eine Gefälligkeit.
SCARRON:
Ich bin sehr erfreut, in der Tat.
THEOBALD:
Zum Schluß die Frage der Zimmernachbarschaft zu berühren, hält Herrn Mandelstam, der übrigens aus gut deutscher Familie - das sagte ich schon -, sein Geschäft den ganzen Tag außer Haus. Wir können also unsere volle Aufmerksamkeit zwischen Ihnen teilen, tagsüber kann sie sich uneinge- schränkt Herrn Scarron, die übrige Zeit Herrn Mandelstam zuwenden. Fällt mir ein: Es gibt auf dieser Seite einen Alkoven, der durch eine Scheibe aus unserm Schlafzimmer so weit erleuchtet ist, daß Herr Scarron, was er nicht in sein Zimmer bringen mag, dort aufbewahren kann. Wir werden ihm ein Gardinchen anhängen, so daß wir nicht hinüberzusehen imstande sind. Und die Bequemlichkeit, meine Herren, auf halber Treppe. Eigentlich wäre nun alles in schönster Ordnung. Indem ich jedem von Ihnen einen Haus- und Flurschlüssel einhändige, hindert Sie nichts mehr, diese Wohnung zu allen Zeiten als die Ihrige anzusehen. Darf ich der Form halber, Herr Scarron, fragen, trägt die Arbeit, die Sie bei uns vorhaben, keinen staatsgefährlichen oder sonst die Ordnung der Dinge aufhebenden Charakter? Ich bin Beamter.
SCARRON:
Keineswegs, Herr. Ich gebe mein Ehrenwort.
THEOBALD:
Ich nehme es und empfinde von Person zu Person, Ihnen birgt das Wort Ehre noch den ungeheuren Inhalt, den es für jeden Deutschen hat.
MANDELSTAM:
Bis morgen früh!
THEOBALD zu Scarron:
Und den Kontrakt auf ein Jahr.
SCARRON:
Gewiß.
THEOBALD:
Bis morgen.
SCARRON:
Gnädige Frau!
THEOBALD: .
Bis morgen.
SCARRON und MANDELSTAM ab.



Bild: Edgar M. Böhlke und Katharina Rupp, Frankfurt 1986

LUISE:
Der Barbier ist ein unangenehmer Rüpel.
THEOBALD:
Weil er nicht nach Wohlgerüchen wie der andere duftet.
LUISE:
Er wird uns seine Krankheit, tausend Unsauberkeiten ins Haus tragen.
THEOBALD:
Eine Krankheit hat er ohne weiteres nicht, ist marode, schwächlich, mark- und saftlos vom Leben in Herbergen und bei Hungerleidern. Das gibt sich wieder. Im übrigen, meine gute Luise, verhältst du dich heut und die nächsten Tage noch still und bleibst mit deinem Maulwerk fort, sonst haue ich dir den Hintern so gründlich voll, daß dir die Sprache für eine Zeit überhaupt vergeht. Danke Gott, blieb deine heutige Schlamperei anscheinend ohne üble Folgen. Hoffentlich ist dir mit voller Deutlichkeit bewußt geworden, wie tief du im Glück sitzt. Und was ererbte Gesundheit gilt, muß dir vor der Jammerfigur dieses hohlwangigen Friseurs aufgedämmert sein. Aber auch wenn du den untadelhaft gekleideten, gut gebürsteten Mann mittlerer Jahre scharf ins Auge faßt, kann dir nicht entgehen, wie sich hinter einer vorgetäuschten Zielsicherheit ein untergrabener Wille nur schlecht verbirgt. Glaub, Beste, die Worte, die ich von Ehre und Gewissen sprach, trafen einen vorurteilslosen Gesellen. Immerhin hat er für ein Jahr gemietet.
LUISE bricht in Schluchzen aus.
THEOBALD mit lautem Lachen:
Das ist klassisch! In welchem Zusammenhang Tränen für diese eher komische Person?
Er tätschelt sie.
Soll ich ihn dir wirklich vollhauen? Du dummes Luder, lache doch! Ich bin durch diese beiden minderwertigen Männlichkeiten, die Gott uns ins Haus sandte, wahrhaftig wieder guter Laune. War das denn nicht zum Schießen, wie er stand und sagte: gnädige Frau! Zu meiner Luise, die die Hosen verliert.
LUISE schluchzt heftiger.
THEOBALD:
Und dann: in der Tat! in der Tat! in der Tat! Wie ein Nußknacker.
Er schüttelt sich vor Lachen.
In der ändern Ecke dieser Seifenschaumengel, der nach Luft schnappte. Wer da vor Vergnügen nicht hin ist, hat überhaupt keinen Sinn für göttlichen Humor.
Sie lachen und weinen im Duett.
Vorhang.
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