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Fritz Gross
Regisseur Schauspiel Oper
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Sternheim, Carl (1878-1942)
1913
Das Stück bildet den dritten Teil der "Maske"-Tetralogie und zeigt den Bourgeois Maske auf dem Gipfel seiner Macht. Als Herr eines Industriekonzerns zum Freiherrn Maske von Buchow ernannt, verkörpert jedoch Christian Maske jenes Leistungs- und Pflichtethos der Gründerzeit, das bei seinen Erben zur bloßen Habgier verkommen ist und den drohenden Untergang der wilhelminischen Gesellschaft, die Sternheim in seiner Tetralogie porträtiert, bereits ahnen läßt. – Der 70 jährige Maske führt auf Schloß Buchow einen erbitterten Kampf mit seinem Erben. Seine Tochter Sofie, verheiratete Gräfin von Beeskow, hat zwar den berechnenden Geschäftssinn ihres Vaters geerbt, nicht aber dessen Weitblick, während Tochter Ottilie und Sohn Philipp Ernst beharrlich ihren privaten Neigungen nachgehen. Während einer Krankheit des Vaters nutzt Sofie die Gelegenheit, um einen Waffenvertrag abzuschließen, den der Vater jedoch nicht billigt. Der Machtwille Maskes erwacht wieder angesichts der Furcht, daß seine Tochter sein "Lebenswerk in Stücke" schlägt; während er zwar ein "lebendiges, ungezügeltes Lebensbewußtsein" auslebte, aber zugleich Wert auf die Herstellung von Qualitätsprodukten legte, sieht Sofie im Konsumenten nur ein manipulierbares Objekt. Ihre Haltung beweist Christian, daß die bestehende Gesellschaft keine Zukunft habe: "Nach uns der Zusammenbruch! Wir sind reif!" Zwar gelingt es ihm, die Pläne seiner Tochter zu verhindern, aber im Triumphgefühl des Sieges trifft ihn der Schlag. Und auch seine Hoffnung auf eine Veränderung der Gesellschaft durch jene, die "von Grund auf die Zustände erschüttern, die wir geschaffen", bleibt Illusion. Sein Sekretär Wilhelm Krey, auf den Maske diese Hoffnung setzt, träumt von der Rettung durch die "deutsche Idee" und erliegt schließlich den Reizen von Maskes Tochter Ottilie. 

Bild: Martin Wuttke, Kristin Derfler, Justus von Dohnanyi, Jürgen Holtz, Ffm/M. 1987

Das Schauspiel, das zwischen 1913 und 1914 entstand und während des Ersten Weltkriegs nicht aufgeführt werden durfte, da es "in gegenwärtiger Zeit geeignet ist, den inneren Frieden zu stören", fand seine Fortsetzung im 1923 uraufgeführten Stück Das Fossil, das bereits in der Zeit der Weimarer Republik spielt. Sofie wird samt ihrem Liebhaber von ihrem Schwiegervater, dem General von Beeskow, getötet. S. selbst schrieb zu diesem letzten Stück der "Maske"-Tetralogie: "An den Mitgliedern der Familie Maske und ihrer Abkommen ist alles Wesentliche des Zeitabschnitts, den wir miterlebten, gezeigt: Aufstieg und cynisches Verkommen einer bürgerlichen Dynastie bis zum Augenblick der Entscheidung über Europas Schicksal."
Textauszug: 3. Aufzug, 2. Auftritt

1913

SOFIE:
Solche Gedanken finde ich im Gegenteil ganz neu an dir; vielleicht schon die Früchte der Kreyschen Lehrsätze und erste Angstzustände. Wer hat Kapitalien gehäuft, monopolisiert und unablässig fusioniert? Wer hat immer neue Millionen aus der Vorstellung gestampft, die jetzt verzinst werden sollen? Womit um Gotteswillen? Unsere Generation hat den Industriestaat fertig von euch übernommen und lehnt für seine Basis alle Verantwortlichkeit weit von sich ab. Jedes Rezept habt ihr uns und das Hauptbestandteil aller Rezepte Übermacht: Skrupellosigkeit. Wir gründen wie ihr, weit vorsichtiger und geschäftskundiger sogar, ohne freilich irgendwie sehen zu können, wohin das alles geht.
CHRISTIAN:
Und ein unglücklicher Krieg?
SOFIE:
Man wird sehen. Ich habe keine Angst.
CHRISTIAN:
Nach uns Zusammenbrach! Wir sind reif. Hätte dieser Mann nur ein wenig unsere Kenntnis.
SOFIE:
Es ist immer nur ein wenig, was der Welt zu Erlösungen fehlt. Übrigens sind diese Sentiments an dir erstaunlich.
CHRISTIAN:
Ich habe sie nie ganz verloren. Was hat man Besseres in Ermangelung von Gefühlen?
SOFIE:
Willen.
CHRISTIAN:
Ist er eisern bewiesen? Klein habe ich angefangen, meine Eltern hatten drei Stuben, Magd, Kanarienvogel. Mich gedrückt habe ich anfangs, geschoben und nachgemacht; ich war Abenteurer und Snob. Schließlich angekommen, ohne Vorurteil. Mit einigen geretteten Sentiments. 
SOFIE:
Man sollte meinen, es geht dir schlecht.
CHRISTIAN:
Es geht mir schlecht. Ich mache Bilanz und fühle, von menschlichen Empfindungen mehr als von eigenen besessen: möchte es diesem oder einem anderen gelingen, von Grund auf Zustände zu erschüttern, die wir geschaffen.
SOFIE:
Das ist Konkurs. Wie es falliten Firmen geht – du erlaubst, ich ziehe mich für meine Person und meine Geschäfte entschieden von dir zurück.
CHRISTIAN:
Du hast es ganz entschieden schon getan. Was ich aber soeben anvertraut, ist verwandtschaftliches Geheimnis, mehr schon Kunde aus dem Jenseits. Aus Gründen der Repräsentanz fordere ich für mein irdisches Leben, du schenkst den Befehlen des Generalchefs unserer Häuser in Zukunft mehr Aufmerksamkeit als letzthin.
SOFIE:
Es ist unmöglich, vom Krankenzimmer große Entscheidungen sicher zu treffen, wie aus dem Brennpunkt der Betriebe.
CHRISTIAN:
Der ist noch immer hier!
Zeigt seine Stirn.
Wo das kleinste Rad der winzigsten Maschine einst konzipiert und in Gang gesetzt wurde. Dich habe ich als meinen Buchhalter auf den Kontorstuhl gesetzt.
SOFIE:
Auch ich sehe heute in die letzte Verzahnung des Wirtschaftsbetriebes wie du. Mein Lehrlingsstück habe ich abgelegt.
CHRISTIAN:
Die Herausgabe von Aktien eines Unternehmens, das arbeitend gar nicht existiert, erst in fünf Jahren zu leben anfängt?
SOFIE:
Ist das ein neuer Gedanke?
CHRISTIAN:
Er ist albern, weil so verbrecherisch, daß ihn der Dümmste durchschaut, und der Urheber bis ins Mark blamiert sein muß.
SOFIE reicht ihm ein offenes Telegramm:
Das Aktienkapital ist überzeichnet.
CHRISTIAN:
Einhundertfünfzig Millionen. In fünf Jahren zu vereinnahmende Zinsen vierzig Millionen Mark Gewinn. Passiva?
SOFIE:
Der Aufsichtsrat hat das Recht, den Aktionären eine Dividende von vier Prozent zu zahlen.
CHRISTIAN lacht laut:
Das Recht - ist wundervoll!
SOFIE:
Der Ausdruck ist von mir. Aber die Aktionäre kein Recht, sie zu fordern.
Lacht.
CHRISTIAN:
Die Tragik solchen Vorgangs sollte Krey für die Welt mit meinen Augen sehen können - und die Komik.
SOFIE:
Was haben Nörgler unserer Systeme solchen Erfindungen entgegenzusetzen?
CHRISTIAN:
Nichts als ein reines Herz, wenn's hoch kommt. Es ist zum Lachen! Also gut gemacht. Die vierzig gestohlenen Millionen gefallen mir. Du bist die Kanaille, für die ich dich halte.
SOFIE:
Danke.
CHRISTIAN:
Erscheinen deine Einfälle maßvoll neben den meinen, mag's hingehen. Wie aber wagst du, meine Befehle zu kontrekarieren?
SOFIE:
In der Frage der betreffenden Gewehrlieferung schien mir und anderen meine Auffassung überlegen.
CHRISTIAN:
Was dir scheint -
Schreit:
Wie darfst du bei Untergebenen die Überzeugung von meineri Unfehlbar- keit schwächen?
SOFIE:
Weil ich die Meinung von der meinen stärken muß, von der meines Gatten will ich sagen.
CHRISTIAN:
Dieser Wallach!
SOFIE:
Ich bin schwanger!
CHRISTIAN:
Du lügst!
SOFIE:
So wahr mir Gott helfe!
CHRISTIAN:
Eine Rasse Beeskow in meinem sauberen Nest? Das kann der Himmel als meinen Lohn nicht wollen! Den Jungen, Ottilie um ihr Erbe bestehlen und von meinem Sessel her, von meinen Gnaden Weisheit orakeln, Täubchen? Gleich sollst du sehen, wie feurig mein Wille noch dagegen arbeitet.
SOFIE:
Die holländische Regierung akzeptiert unsere Lieferung.
CHRISTIAN:
Akzeptiert sie? Haben wir den Auftrag? Heraus mit dem Bestätigungstelegramm, Püppchen! Warum zögerst du?
SOFIE:
Es muß jede Stunde eintreffen.
CHRISTIAN:
Muß es! Denn wir haben ein bengalisches Streichholz abgebrannt. Hoch Calvin, hoch die Augsburgisdie Konfession! Göttlich! Aber was macht plötzlich der Papa - was macht denn, Gott verdamm mich, das alte, schon abgetakelte Papachen?
Er macht ein paar Tanzsprünge.
SOFIE:
Beherrsch dich!
CHRISTIAN:
Daß dir die Leibesfrucht verdorre! Was macht dieses Genie,
Reißt sie an den Armen zu sich her.
dieses wirkliche Genie von Maske Vater? Was erfindet die prachtvolle Kruke schließlich und schlägt die ganze Wallache! und ihr verschmitztes Planchen platt in den Boden?
Er dreht sich hüpfend weiter.
Hast du nicht gesehen - er -
SOFIE ist hinausgelaufen.
CHRISTIAN:
Wo bist du, daß ich dich mit meinem Sieg zertrümmere!!
Er stürzt ihr taumelnd nach, hinaus.



Bild: Heinrich Giskes und Hildburg Schmidt, Ffm/M. 1987


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