| Hamburgische Dramaturgie
Gotthold Ephraim Lessing / Moses Mendelssohn /
Friedrich Nicolai:
Briefwechsel über das Trauerspiel
(Auszüge)
Friedrich Nicolai an Gotthold Ephraim Lessing
[Brief vom 31. August 1756]
[. . .] Hauptsächlich habe ich [in der »Abhandlung
vom Trauerspiele«] den Satz zu widerlegen gesucht, den man dem Aristoteles
so oft nachgesprochen hat, es sey der Zweck des Trauerspiels die Leidenschaften
zu reinigen oder die Sitten zu bilden. Er ist, wo nicht falsch, doch wenigstens
nicht allgemein [. . .]. Ich setze also den Zweck des Trauerspiels in die
Erregung der Leidenschaften, und sage: das beste Trauerspiel ist das, welches
die Leidenschaften am heftigsten erregt, nicht das, welches geschickt ist,
die Leidenschaften zu reinigen [. . .]. Das vornehmste Stück ist und
bleibt die Handlung, weil dieselbe zu der Erregung der Leidenschaften am
meisten beyträgt. [. . .] Das Tragische in den Charakteren liegt wieder
darin, daß sie heftige Leidenschaften erregen, nicht daß sie
die Sitten bessern.
Gotthold Ephraim Lessing an Friedrich Nicolai
[Brief vom November 1756]
[. . .] Es kann seyn, daß wir dem Grundsatze:
Das Trauerspiel soll bessern,
manches elende aber gutgemeinte Stück schuldig
sind [. . .]. Aber das erkenne ich für wahr, daß kein Grundsatz
[. . .] bessere Trauerspiele kann hervorbringen helfen, als der: Die Tragödie
soll Leidenschaften erregen. [. . .] Nehmen Sie einen Augenblick an, daß
der erste Grundsatz eben so wahr als der andere sey. [. . .] Jener hat
nicht deswegen schlimme Folgen, weil er ein falscher Grundsatz ist, sondern
deswegen, weil er entfernter ist, als dieser, weil er blos den Endzweck
angiebt, und dieser die Mittel. Wenn ich die Mittel habe, so habe ich den
Endzweck, aber nicht umgekehrt. [. . .]
Kurz, ich finde keine einzige Leidenschaft, die
das Trauerspiel in dem Zuschauer rege macht, als das Mitleiden. [. . .]
Das Schrecken in der Tragödie ist weiter
nichts als die plötzliche Überraschung des Mitleids [. . .].
Nun zur Bewunderung! Die Bewunderung! O in der
Tragödie [. . .] ist das
entbehrlich gewordene Mitleiden. Der Held ist
unglücklich, aber er ist über sein Unglück so weit erhaben,
[. . .] daß es auch in meinen Gedanken die
schreckliche Seite zu verlieren anfängt
[. . .].
Die Staffeln sind also diese: Schrecken, Mitleid,
Bewunderung. Die Leiter aber heißt: Mitleid; und Schrecken und Bewunderung
sind nichts als die ersten Sprossen, der Anfang und das Ende des Mitleids.
[. . .]
Wenn es also wahr ist, daß die ganze Kunst
des tragischen Dichters auf die
sichere Erregung und Dauer des einzigen Mitleidens
geht, so sage ich nunmehr, die Bestimmung der Tragödie ist diese:
sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Sie soll
uns nicht blos lehren, gegen diesen oder jenen Unglücklichen Mitleid
zu fühlen, sondern sie soll uns so weit fühlbar machen, daß
uns der Unglückliche zu allen Zeiten, und unter allen Gestalten, rühren
und für sich einnehmen muß. [. . .] Der mitleidigste Mensch
ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten
der Großmuth der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht
uns besser und tugendhafter [. . .].
Das Trauerspiel soll so viel Mitleid erwecken,
als es nur immer kann; folglich müssen alle Personen, die man unglücklich
werden läßt, gute Eigenschaften haben, folglich muß die
beste Person auch die unglücklichste seyn, und Verdienst und Unglück
in beständigem Verhältnisse bleiben.
Moses Mendelssohn an Gotthold Ephraim Lessing
[Brief vom 23. November 1756 (bzgl. Bewunderung)]
[. . .] Wenn wir an einem Menschen gute Eigenschaften
gewahr werden, die unsre Meinung, die wir von ihm oder von der ganzen menschlichen
Natur gehabt haben, übertreffen, so gerathen wir in einen angenehmen
Affekt, den wir Bewunderung nennen. [. . .] so muß dieser Affekt
schon an und für sich selbst, und ohne in Absicht des Mitleidens,
dessen die bewunderte Person entbehren kann, in dem Gemüthe des Zuschauers
ein Vergnügen zuwege bringen. Ja es muß sogar der Wunsch in
ihm entstehen, dem bewunderten Held, wo es möglich ist, nachzueifern;
denn die Begierde zur Nacheiferung ist von der anschauenden Erkenntnis
einer guten Eigenschaft unzertrennlich [. . .].
Gotthold Ephraim Lessing an Moses Mendelssohn
[Brief vom 28. November 1756]
[. . .] Sie haben einen zu richtigen Begrif von
der menschlichen Natur, als daß Sie nicht alle unempfindliche Helden
für schöne Ungeheuer, für mehr als Menschen, aber gar nicht
für gute Menschen halten sollten. Sie bewundern sie also mit Recht;
aber eben deswegen, weil Sie sie bewundern, werden Sie ihnen nicht nacheifern.
[. . .]
Ich will nur diejenigen großen Eigenschaften
ausgeschlossen haben, die wir unter dem allgemeinen Nahmen des Heroismus
begreifen können, weil jede derselben mit Unempfindlichkeit verbunden
ist, und Unempfindlichkeit in dem Gegenstande des Mitleids, mein Mitleiden
schwächt. [. ..]
Sie [die Bewunderung] ist dennoch aus dem Trauerspiele
zu verbannen. [..]
Die Bewunderung [. . .] bessert vermittelst der
Nacheiferung [. . .]. Das Mitleiden hingegen bessert unmittelbar; bessert,
ohne daß wir selbst etwas dazu beytragen dürfen; bessert den
Mann von Verstande sowohl als den Dummkopf.
Moses Mendelssohn an Gotthold Ephraim Lessing
[Brief vom Dezember 1756 (zur Unterscheidung
von Verwunderung und
Bewunderung)]
[. . .] Eine unvermuthete Begebenheit, deren Ursache
ich nicht ergründen kann, setzt mich in Verwunderung. [. . .] Ich
bewundere hingegen einen Menschen, an welchem ich eine gute Eigenschaft
gewahr werde, die ich ihm nicht zugetrauet
habe, die aber dennoch in seinem sittlichen Charakter
gegründet ist. [. . .]
Können Sie nunmehr noch zweifeln, daß
die anschauende Erkenntniß der
Vollkommenheit durch die Bewunderung sinnlicher
wird, weil sie uns unvermuthet überrascht oder [. . .] die anscheinende
Vollkommenheit [. . .] den unerschrockenen Held zeigt, wo wir den gebeugten
unter seiner Last seufzenden Menschen erwarteten? – Also kann uns die Bewunderung
auch solche Handlungen als nachahmungswürdig anpreisen, die wir mit
der Vernunft für untugendhaft erkennen? hör' ich Sie fragen.
– Allerdings! und dieses ist eine von den Ursachen, die Hrn. Nicolai bewog
zu behaupten, der Endzweck des Trauerspiels sey nicht eigentlich, die Sitten
zu bessern. [. . .]
Auch das Mitleiden kann uns zu Untugenden bringen,
wenn es nicht von der Vernunft regiert wird, von der kalten symbolischen
Vernunft, die man gänzlich von dem Theater verbannen muß, wenn
man gefallen will.
Gotthold Ephraim Lessing an Moses Mendelssohn
[Brief vom 18. Dezember 1756]
Herr Nicolai machte zu seiner zweyten Gattung
der Trauerspiele diejenige, wo man durch Hülfe des Schreckens und
des Mitleidens Bewunderung erregen wolle [. . .].
Ein solches Trauerspiel nun, sage ich, würde
ein dialogisches Heldengedicht
seyn, und kein Trauerspiel. [. . .]
So wie in dem Heldengedichte die Bewunderung
das Hauptwerk ist, alle andere Affekten, das Mitleiden besonders, ihr untergeordnet
sind: so sey auch in dem Trauerspiele das Mitleiden das Hauptwerk, und
jeder andere Affekt [. . .] sey ihm nur untergeordnet [. . .].
[. . .] muß es denn eine von den ersten
Pflichten des Dichters seyn, daß er nur für wirklich tugendhafte
Handlungen Bewunderung erweckt. Denn wäre es ihm erlaubt, auch untugendhaften
Handlungen den Firnis der Bewunderung zu geben, so hätte Plato Recht,
daß er sie aus seiner Republik verbannt wissen wollten. [. . .]
[. . .] die Bewunderung einer schönen Handlung
kann nur zur Nacheiferung eben derselben Handlung, unter eben denselben
Umständen, und nicht zu allen schönen Handlungen antreiben; sie
bessert, wenn sie ja bessert, nur durch besondere Fälle [. . .].
Wie unendlich besser und sicherer sind die Wirkungen
meines Mitleidens! Das Trauerspiel soll das Mitleiden nur überhaupt
üben, und nicht uns in diesem oder jenem Falle zum Mitleiden bestimmen.
[. . .] Ich lasse mich zum Mitleiden im Trauerspiele bewegen, um eine Fertigkeit
im Mitleiden zu bekommen [. . .]
Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai an
Gotthold Ephraim Lessing
[Brief vom Januar 1757]
[. . .] Wir wollen indessen etwas näher zusammen
kommen. Ich räume Ihnen ein, daß das Mitleiden uns leichter
intuitive illudiren kann, als die Bewunderung. Ich meine, es ist leichter,
uns durch ein nachgeahmtes Mitleiden zu überführen, daß
die Nachahmung dem Urbilde ähnlich sey, als solches durch die Bewunderung
zu bewerkstelligen. [. . .]
Wenn Herr Nicolai behauptet, die Poesie könne
zur Besserung der Sitten nichts beytragen, so hat er offenbar Unrecht,
und ich beweise das Gegentheil hiervon [. . .]. Wenn er aber behauptet,
die Besserung der Sitten könne nicht der Hauptendzweck des Trauerspiels
seyn, weil die Nachahmung immer noch vollkommen seyn kann, wenn auch die
zum Grunde liegende Sittlichkeit nicht völlig mit der Vernunft übereinstimmt:
so glaube ich, daß ihm die eifrigsten Verfechter der Poesie beypflichten
müssen. [. . .]
Gotthold Ephraim Lessing an Moses Mendelssohn
[Brief vom 2. Februar 1757]
[. . .] Darinn sind wir doch wohl einig, liebster
Freund, daß alle Leidenschaften entweder heftige Begierden oder heftige
Verabscheuungen sind? Auch darinn: daß wir uns bey jeder heftigen
Begierde oder Verabscheuung, eines größern Grads unsrer Realität
bewußt sind, und daß dieses Bewußtseyn nicht anders als
angenehm seyn kann? Folglich sind alle Leidenschaften, auch die allerunangenehmsten,
als Leidenschaften angenehm. [. . .]
Alles, was ich hieraus folgere, wird aus der
Anwendung auf das aristotelische Exempel von der gemahlten Schlange am
deutlichsten erhellen. Wenn wir eine gemahlte Schlange plötzlich erblicken,
so gefällt sie uns desto besser, je heftiger wir darüber erschrocken
sind. [. . .]
Daher gefallen uns alle unangenehmen Affekte
in der Nachahmung. [. . .]
Ein Exempel aus der Körperwelt! Es ist bekannt,
daß, wenn man zwey Saiten eine gleiche Spannung giebt, und die eine
durch die Berührung ertönen läßt, die andere mit ertönt,
ohne berührt zu seyn. Lassen Sie uns den Saiten Empfindung geben,
so können wir annehmen, daß ihnen zwar eine jede Bebung, aber
nicht eine jede Berührung angenehm seyn mag [. . .]. Die erste Saite
also, die durch die Berührung erbebt, kann eine schmerzliche Empfindung
haben; da die andre, der ähnlichen Erbebung ungeachtet, eine angenehme
Empfindung hat, weil sie nicht (wenigstens nicht so unmittelbar) berührt
worden. Also auch in dem Trauerspiele. Die spielende Person geräth
in einen unangenehmen Affekt, und ich mit ihr. Aber warum ist dieser Affekt
bey mir angenehm? Weil ich nicht die spielende Person selbst bin, auf welche
die unangenehme Idee unmittelbar wirkt [. . .].
Dergleichen zweyte Affekten aber, die bey Erblickung
solcher Affekten an andern, in mir entstehen, verdienen kaum den Namen
von Affekten; daher ich denn [. . .] schon gesagt habe, daß die Tragödie
eigentlich keinen Affekt bey uns rege mache, als das Mitleiden. Denn diesen
Affekt empfinden nicht die spielenden Personen [. . .], sondern er entsteht
in uns ursprünglich aus der Wirkung der Gegenstände auf uns;
es ist kein zweyter mitgetheilter Affekt [. . .].
Gotthold Ephraim Lessing an Friedrich Nicolai
[Brief vom 2. April 1757]
Furcht und Mitleiden. Können Sie mir nicht
sagen, warum so wohl Dacier als Curtius, Schrecken und Furcht für
gleich bedeutende Worte nehmen? [. . .] Aristoteles erklärt das Wort
phobos [. . .] durch die Unlust über ein
bevorstehendes Übel, und sagt, alles dasjenige
erwecke in uns Furcht, was,
wenn wir es an andern sehen, Mitleiden erwecke,
und alles dasjenige erwecke Mitleiden, was, wenn es uns selbst bevorstehe,
Furcht erwecken müsse. Dem zu Folge kann also die Furcht [. . .] keine
unmittelbare Wirkung des Trauerspiels seyn, sondern sie muß weiter
nichts als eine reflectirte Idee seyn. Aristoteles würde bloß
gesagt haben: das Trauerspiel soll unsre Leidenschaften durch das Mitleiden
reinigen, wenn er nicht zugleich auch das Mittel hätte angeben wollen,
wie diese Reinigung durch das Mitleiden möglich werde; und dieserwegen
setzte er noch die Furcht hinzu, welche er für dieses Mittel hielt.
[. . .] Nun behalten Sie, durch die ganze Dichtkunst des Aristoteles, überall
wo Sie Schrecken finden, diese Erklärung der Furcht in Gedanken, (denn
Furcht muß es überall heißen,
und nicht Schrecken,) [. . .].
Text: Gotthold E. Lessing: Lessings
Briefwechsel über das Trauerspiel.
Nebst verwandten Schriften Nicolais
und Mendelssohns. Hrsg. und. erl. von Robert Petsch. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, 1967. S. 47 f., 51–55, 59 f., 65–68, 72, 75 f., 80, 83
f., 92, 94 f., 98–101, 104 f.
Lessing Hamburgische
Dramaturgie
Ankündigung
Es wird sich leicht erraten lassen, daß
die neue Verwaltung des hiesigen Theaters die Veranlassung des gegenwärtigen
Blattes ist.
Der Endzweck desselben soll den guten Absichten
entsprechen, welche man den Männern, die sich dieser Verwaltung unterziehen
wollen, nicht anders als beimessen kann. Sie haben sich selbst hinlänglich
darüber erklärt, und ihre Äußerungen sind, sowohl
hier, als auswärts, von dem feinern Teile des Publikums mit dem Beifalle
aufgenommen worden, den jede freiwillige Beförderung des allgemeinen
Besten verdienet und zu unsern Zeiten sich versprechen darf.
Freilich gibt es immer und überall Leute,
die, weil sie sich selbst am besten kennen, bei jedem guten Unternehmen
nichts als Nebenabsichten erblicken. Man könnte ihnen diese Beruhigung
ihrer selbst gern gönnen; aber, wenn die vermeinten Nebenabsichten
sie wider die Sache selbst aufbringen; wenn ihr hämischer Neid, um
jene zu vereiteln, auch diese scheitern zu lassen bemüht ist: so müssen
sie wissen, daß sie die verachtungswürdigsten Glieder der menschlichen
Gesellschaft sind.
Glücklich der Ort, wo diese Elenden den
Ton nicht angeben; wo die größere Anzahl wohlgesinnter Bürger
sie in den Schranken der Ehrerbietung hält und nicht verstattet, daß
das Bessere des Ganzen ein Raub ihrer Kabalen, und patriotische Absichten
ein Vorwurf ihres spöttischen Aberwitzes werden!
So glücklich sei Hamburg in allem, woran
seinem Wohlstande und seiner Freiheit gelegen: denn es verdienet, so glücklich
zu sein!
Als Schlegel, zur Aufnahme des dänischen
Theaters, – (ein deutscher Dichter des dänischen Theaters!) – Vorschläge
tat, von welchen es Deutschland noch lange zum Vorwurfe gereichen wird,
daß ihm keine Gelegenheit gemacht worden, sie zur Aufnahme des unsrigen
zu tun: war dieses der erste und vornehmste, »daß man den Schauspielern
selbst die Sorge nicht überlassen müsse, für ihren Verlust
und Gewinst zu arbeiten«.1) Die Prinzipalschaft unter ihnen hat eine
freie Kunst zu einem Handwerke herabgesetzt, welches der Meister mehrenteils
desto nachlässiger und eigennütziger treiben läßt,
je gewissere Kunden, je mehrere Abnehmer ihm Notdurft oder Luxus versprechen.
Wenn hier also bis itzt auch weiter noch nichts
geschehen wäre, als daß eine Gesellschaft von Freunden der Bühne
Hand an das Werk gelegt und, nach einem gemeinnützigen Plane arbeiten
zu lassen, sich verbunden hätte: so wäre dennoch, bloß
dadurch, schon viel gewonnen. Denn aus dieser ersten Veränderung können,
auch bei einer nur mäßigen Begünstigung des Publikums,
leicht und geschwind alle andere Verbesserungen erwachsen, deren unser
Theater bedarf.
An Fleiß und Kosten wird sicherlich nichts
gesparet werden: ob es an Geschmack und Einsicht fehlen dürfte, muß
die Zeit lehren. Und hat es nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es
hierin mangelhaft finden sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es
komme nur, und sehe und höre, und prüfe und richte. Seine Stimme
soll nie geringschätzig verhöret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung
vernommen werden!
Nur daß sich nicht jeder kleine Kritikaster
für das Publikum halte, und derjenige, dessen Erwartungen getäuscht
werden, auch ein wenig mit sich selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine
Erwartungen gewesen. Nicht jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der
die Schönheiten eines Stücks, das richtige Spiel eines Akteurs
empfindet, kann darum auch den Wert aller andern schätzen. Man hat
keinen Geschmack, wenn man nur einen einseitigen Geschmack hat; aber oft
ist man desto parteiischer. Der wahre Geschmack ist der allgemeine, der
sich über Schönheiten von jeder Art verbreitet, aber von keiner
mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als sie nach ihrer Art
gewähren kann.
Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne
bis zum Gipfel der Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte
Bühne ist von dieser Höhe, natürlicherweise, noch weiter
entfernt: und ich fürchte sehr, daß die deutsche mehr dieses
als jenes ist.
Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen.
Doch was man nicht wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen.
Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch
immer geschwinder, als der ohne Ziel herumirret.
Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register
von allen aufzuführenden Stücken halten und jeden Schritt begleiten,
den die Kunst, sowohl des Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird.
Die Wahl der Stücke ist keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus;
und wenn nicht immer Meisterstücke aufgeführet werden sollten,
so sieht man wohl, woran die Schuld liegt. Indes ist es gut, wenn das Mittelmäßige
für nichts mehr ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte
Zuschauer wenigstens daran urteilen lernt. Einem Menschen von gesundem
Verstande, wenn man ihm Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinanderzusetzen,
warum ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmäßige Stücke
müssen auch schon darum beibehalten werden, weil sie gewisse vorzügliche
Rollen haben, in welchen der oder jener Akteur seine ganze Stärke
zeigen kann. So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition,
weil der Text dazu elend ist.
Die größte Feinheit eines dramatischen
Richters zeiget sich darin, wenn er in jedem Falle des Vergnügens
und Mißvergnügens unfehlbar zu unterscheiden weiß, was
und wieviel davon auf die Rechnung des Dichters, oder des Schauspielers,
zu setzen sei. Den einen um etwas tadeln, was der andere versehen hat,
heißt beide verderben. Jenem wird der Mut benommen, und dieser wird
sicher gemacht.
Besonders darf es der Schauspieler verlangen,
daß man hierin die größte Strenge und Unparteilichkeit
beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters kann jederzeit angetreten werden;
sein Werk bleibt da und kann uns immer wieder vor die Augen gelegt werden.
Aber die Kunst des Schauspielers ist in ihren Werken transitorisch. Sein
Gutes und Schlimmes rauschet gleich schnell vorbei; und nicht selten ist
die heutige Laune des Zuschauers mehr Ursache, als er selbst, warum das
eine oder das andere einen lebhafteren Eindruck auf jenen gemacht hat.
Eine schöne Figur, eine bezaubernde Miene,
ein sprechendes Auge, ein reizender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische
Stimme: sind Dinge, die sich nicht wohl mit Worten ausdrücken lassen.
Doch sind es auch weder die einzigen noch größten Vollkommenheiten
des Schauspielers. Schätzbare Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr
nötig, aber noch lange nicht seinen Beruf erfüllend! Er muß
überall mit dem Dichter denken; er muß da, wo dem Dichter etwas
Menschliches widerfahren ist, für ihn denken.
Man hat allen Grund, häufige Beispiele hiervon
sich von unsern Schauspielern zu versprechen. – Doch ich will die Erwartung
des Publikums nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der
zu viel verspricht, und der zu viel erwartet.
Heute geschieht die Eröffnung der Bühne.
Sie wird viel entscheiden; sie muß aber nicht alles entscheiden sollen.
In den ersten Tagen werden sich die Urteile ziemlich durchkreuzen. Es würde
Mühe kosten, ein ruhiges Gehör zu erlangen. – Das erste Blatt
dieser Schrift soll daher nicht eher als mit dem Anfange des künftigen
Monats erscheinen.
Hamburg, den 22. April 1767.
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