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Fritz Gross
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Horváth, Ödön von
DER JÜNGSTE TAG
Schauspiel in sieben Bildern von Ödön von Horváth, Uraufführung: Mährisch-Ostrau, 11. 12. 1937, Deutsches Theater. – 
Thomas Hudetz, Bahnhofsvorsteher in einem größeren Dorf, unglücklich verheiratet mit einer dreizehn Jahre älteren, krankhaft eifersüchtigen Frau, wird von Anna, der hübschen Dorfwirtstochter, in ein Gespräch verwickelt, und, ehe er sich's versieht, von ihr geküsst – gerade in dem Augenblick, da er ein Signal hätte betätigen sollen. Ein Eilzug rast am Bahnhofsgebäude vorbei und stößt gleich darauf mit einem Güterzug zusammen. Frau Hudetz, Augenzeugin des verhängnisvollen Kusses und der Folgen – achtzehn Fahrgäste sind ums Leben gekommen – sagt vor Gericht gegen ihren Mann aus, Anna aber schwört unter Eid, daß der Bahnhofsvorsteher das Signal rechtzeitig betätigt habe. Freigesprochen, wird der heimkehrende Hudetz von seinen Mitbürgern als Unschuldiger gefeiert. Anna, die sich mehr zu Hudetz als zu Ferdinand, ihrem Verlobten, hingezogen fühlt, bittet den Bahnhofsvorsteher um eine Zusammenkunft am folgenden Abend. An einem entlegenen Ort gesteht die von Gewissensnöten heimgesuchte Wirtstochter, daß sie aus dem Leben scheiden wolle. Hudetz, der jede Schuld am Unglück abstreitet, vollzieht mit ihr die »Verlobung«, die sie beide, unbewusst, schon früher herbeigewünscht hatten. In der Umarmung tötet Hudetz, halb wie im Traum, die am Leben verzweifelnde Wirtstochter und flieht. Während die Geister zweier Opfer des Zugunglücks Hudetz zum Selbstmord zu überreden versuchen, beschwört der Geist Annas ihn, weiterzuleben, und Hudetz stellt sich, seiner Schuld inne werdend, dem Gericht.
Bild: Anne Schmidt-Krayer
Die Personen des Dramas gehören, wie in allen Volksstücken Horváths, dem armen Mittelstand an. Sie sind einander darin verwandt, daß sie zur Reflexion, zur wahren Erkenntnis ihrer selbst, ihrer Umwelt und der Tragweite ihres Tuns nicht oder erst zu spät fähig sind. Deshalb verstricken sie sich immer tiefer in Schuld, eine allerdings mehr erlittene als begangene Schuld. »Er hätt sich nichts zu überlegen«, hatte Thomas Hudetz gesagt, als er seine wesentlich ältere Frau heiratete. Dass er sie dann aber in der Ehe nicht begehrt, zeigt, wie sehr er und seine Frau es sich vorher hätten überlegen müssen: »Du warst um dreizehn Jahre älter, du musstest es wissen und fühlen.« Aus diesem unreflektierten, »bewusstlosen« Verhalten der Figuren wächst das unabwendbare, im Zugunglück kulminierende Verhängnis. Sowenig Hudetz über seine künftige Ehe nachgedacht hat, sowenig macht er sich bewußt, daß dann in der Ehe seine Gedanken immer wieder zu Anna schweifen. Die tyrannische Eifersucht der Frau Hudetz entspringt ihrem Wissen, daß Thomas sie nicht liebt und zum Treuebruch ständig bereit ist, und dieser Umstand reizt wiederum Anna, dem Bahnhofsvorsteher, den sie insgeheim liebt, einen Kuss zu geben: »Er hat das Signal vergessen, weil ich ihm einen Kuss gegeben habe, aber ich hätt ihm nie einen Kuss gegeben, wenn er nicht eine Frau gehabt hätte, die er nie geliebt.« Der leichtsinnige Kuss als die Ursache des Zugunglücks ist zugleich die notwendige Folge des schuldhaften Leichtsinns, daß die Menschen nicht mit sich zu Rate gehen, daß sie ihre Gefühle ebensowenig erhellen wie das Ausmaß ihres Tuns und sich und dem andern verschleiern, was in ihnen vorgeht. Dieser Hang zum Verschleiern, Sich-Belügen und Aneinander-Vorbeireden findet vorzugsweise in Horváths szenischen und mimischen Anweisungen seinen Ausdruck. Die »Stille«, die immer wieder in die Dialoge einbricht, deutet auf verschwiegene, dunkle Gedankengänge, und das stets wiederkehrende Lächeln der Figuren soll die Gemeinheit einer Absicht, einer Meinung oder einer Rede verdecken. Im Verstummen und im Lächeln eröffnet sich die unheimliche Doppelbödigkeit des Dialogs, der fast alle Personen bis zum Schluß verfallen sind. Der Bahnhofsvorsteher wie seine Frau beteuern wiederholt ihre Unschuld, aber die Schlaflosigkeit, an der Hudetz seit dem Unfall leidet und die Hysterie seiner Frau zeugen von verdrängter Schuld. »Ich bin mir keines Verbrechens bewußt«, erklärt Frau Hudetz, und ihr Bruder antwortet hellsichtig: »Das hat nichts zu sagen. Du wirst es halt vergessen haben.« Endgültig sein »Verbrechen« vergessen will auch Hudetz, wenn er zuletzt Hand an die von Gewissensnot gepeinigte und an sein Gewissen appellierende Wirtstochter legt. Dafür bricht dann in Gestalt von Annas Geist das mühsam verdrängte Bewusstsein der Schuld mit gesteigerter Vehemenz in ihm durch. Indem er sich schließlich dem Gericht stellt, bestätigt er die schon vorher von Anna formulierte mythische Gleichsetzung ihres gemeinsamen Schicksals mit dem von Adam und Eva. Die Schuld erscheint als Ausdruck der Vertreibung aus dem Paradies der Unschuld. Indem Horváth sie aus der Unkenntnis der eigenen Triebe und Handlungen und aus der Verschlossenheit gegenüber den Mitmenschen herleitet, deutet er zugleich indirekt die Möglichkeit an, auf dem Wege er Erkenntnis des Selbst und der Umwelt eine neue Unschuld zu gewinnen.

Textauszug
Der Jüngste Tag
Erstes Bild 

Personen: Thomas Hudetz, Stationsvorstand • Frau Hudetz • Alfons Hudetz, ihr Bruder, Drogeriebesitzer • Der Wirt zum »Wilden Mann« • Anna, seine Tochter • Ferdinand, deren Bräutigam, ein Fleischhauer von auswärts • Leni, Kellnerin beim »Wilden Mann« • Frau Leimgruber • Ein Waldarbeiter • Ein Vertreter • Ein Gendarm • Kohut, ein Heizer • Ein Staatsanwalt • Ein Kommissar • Ein Kriminaler • Ein Streckengeher • Pokorny, ein seliger Lokomotivführer • Ein Gast • Ein Kind.
Schauplätze: Erstes Bild: Kleine Bahnstation • Zweites Bild: Auf dem Bahndamm, wo zwei Züge zusammengestoßen sind • Drittes Bild: Das Gasthaus zum »Wilden Mann« • Viertes Bild: Beim Viadukt • Fünftes Bild: Im Gasthaus zum »Wilden Mann« • Sechstes Bild: In der Drogerie • Siebentes Bild: Auf dem Bahndamm, wo einst die beiden Züge zusammengestoßen sind.
In unseren Tagen.
Zwischen dem zweiten und dritten Bild liegen vier Monate.
Pause nach dem fünften Bild.

Wir befinden uns vor einem Bahnhofsgebäude und sehen von links nach rechts eine Tür, die nach dem ersten Stock führt, einen Fahrkartenschalter und abermals eine Tür mit Milchglasscheiben und der Überschrift »Stationsvorstand«. Daneben einige Signalhebel, Läutwerk und dergleichen. An der Wand kleben Fahrpläne und Reisereklame. Zwei Bänke. Rechts verläuft aus dem Hintergrunde nach vorne die Bahnsteigschranke, aber die Schienen sieht man nicht - man hört also nur die Ankunft, Abfahrt und Durchfahrt der "Züge. Hier hält kein Expreß, ja nicht einmal ein Eilzug, denn der Ort, zu dem dieser Bahnhof gehört, ist nur ein etwas größeres Dorf. Es ist eine kleine Station, aber an einer großen Linie. Auf den Bänken warten zwei Reisende: Die Bäckermeistersgattin Frau Leimgruber und ein Waldarbeiter mit einem leeren Rucksack und einer Baumsäge. Das Läutwerk läutet, dann wirds gleich wieder still.
Jetzt kommt ein dritter Reisender von links mit Hand- und Aktentasche, ein Vertreter aus der Stadt. Er hält und blickt auf die Bahnhofsuhr. Es ist neun Uhr abends, eine warme Frühlingsnacht.
VERTRETER tritt an den Fahrkartenschalter und klopft, aber es rührt sich nichts, er klopft abermals, und zwar energisch.
WALDARBEITER Da könnens lang klopfen, der macht erst knapp vor Abfahrt auf.
VERTRETER blickt wieder auf die Uhr: Hat denn der Zug Verspätung?
FRAU LEIMGRUBER lacht hellauf, zum Waldarbeiter: Was sagens zu dieser Frage?
WALDARBEITER grinst: Der Herr kommt vom Mond - Zum Vertreter. Natürlich haben wir Verspätung, dreiviertel Stund!
VERTRETER Dreiviertel Stund? Elende Schlamperei - Er zündet sich wütend eine Zigarre an. FRAU LEIMGRUBER Es ist eben alles desorganisiert -WALDARBEITER fällt ihr belehrend ins Wort: Es kommt eben alles daher, weil immer nur abgebaut und abgebaut wird. - Die werden noch so lange rationalisieren, bis überhaupt nix mehr fahren wird.
VERTRETER bläst den Rauch von sich: »Rationalisierung« - ein übles Kapitel.
WALDARBEITER Die schicken ja jeden zum Teufel, das beste Menschenmaterial.
FRAU LEIMGRUBER wird plötzlich geschwätzig, zum Vertreter: Zum Beispiel hier auf unserem Bahnhof: was meinens, wieviel Personal wir da haben? Einen, einen einzigen Mann haben wir da.
VERTRETER perplex: Wieso dies? Nur einen einzigen Beamten?
FRAU LEIMGRUBER Zum Glück ist unser Herr Vorstand ein wirklich tüchtiger Mann, ein gebildeter, höflicher, emsiger Charakter, ein selten strammer Mensch! Der scheut keine Arbeit, er trägt die Koffer, vernagelt die Kisten, stellt die Weichen, steht am Schalter, telegraphiert und telephoniert - alles in einer Person! Und miserabel bezahlt ist er auch.
WALDARBEITER   Wer? 
FRAU LEIMGRUBER Na der Vorstand.
WALDARBEITER Miserabel nennen Sie das? Ich nenn das eine königliche Gage - denkens doch nur an seine freie Dienstwohnung da droben! Er deutet auf den ersten Stock. Der hat ja sogar einen Salon und wenn er aufsteht, hört er die Vogerln zwitschern und sieht weit ins Land — Er grinst. Jetzt läutet das Läutwerk und der Stationsvorstand Thomas Hudetz tritt rasch aus seiner Türe, er bedient den Signalhebel und schon rast ein Schnellzug vorbei, er salutiert und wieder ab.
FRAU LEIMGRUBER Das war der Expreß, der hält nicht bei uns.
VERTRETER Kann  ich  ihm  nachfühlen. Wieviel Einwohner hat denn das Nest? 
WALDARBEITER Zweitausenddreihundertvierundsechzig.
Stille.
FRAU LEIMGRUBER betrachtet den Vertreter, plötzlich: Hats Ihnen bei uns nicht gefallen? VERTRETER Ich bin ein reisender Kaufmann, liebe Frau, und das Schicksal hat mich weit in der Welt herumgetrieben, aber eine solche fulminante Interessenlosigkeit wie hier bei euch, das hab ich noch nirgends erlebt! Ihr seid mir schöne Ausnahmen!
FRAU LEIMGRUBER Was habens denn zu verkaufen? 
VERTRETER Kosmetische Artikel.
WALDARBEITER   Ha?
VERTRETER Schönheitsmittel.
WALDARBEITER Schönheit? Er grinst. Wir sind uns schön genug.
VERTRETER Die Hauptsache ist, daß man sich selber gefällt - Er wendet sich wieder an Frau Leimgruber. Eine einzige Kundschaft hat sich meiner erbarmt - Er lächelt geschmerzt.
FRAU LEIMGRUBER sehr neugierig: Wer?
VERTRETER Das Fräulein Kellnerin beim Wilden Mann.
WALDARBEITER überrascht: Die Leni? Also das gibts nicht!
VERTRETER perplex: Warum soll es das nicht geben?
WALDARBEITER Weil die nicht so blöd ist, daß sie sich so einen Schönheitsschmarren einreden läßt.
VERTRETER braust auf: Erlauben Sie mal! Im zwanzigsten Jahrhundert —
FRAU LEIMGRUBER unterbricht ihn, zum Waldarbeiter: Aber der Herr wirds doch wissen, wem er was verkauft hat.
VERTRETER empört: So eine kleine, schlanke wars - noch ein halbes Kind.
FRAU LEIMGRUBER zum Waldarbeiter: Ach, der meint die Anna!
WALDARBEITER   Drum!
FRAU LEIMGRUBER zum Vertreter, geschwätzig: Das ist nicht die Kellnerin, das ist die Tochter vom Wirt, die Anna! Sie ist mit einem Fleischhauer verlobt, aber der ist von auswärts und kommt nur einmal in der Woche.
VERTRETER Von mir aus.
WALDARBEITER Ich sag nur, die hats faustdick hinter den Ohren.
FRAU LEIMGRUBER überrascht: Wer?
WALDARBEITER Na, die Anna. Höhnisch. Dem Herrn sein halbes Kind!
FRAU LEIMGRUBER Aber wie könnens denn so was sagen! Die Anna ist doch die personifizierte Unschuld in persona.
WALDARBEITER Unschuldig ist sie vielleicht schon, aber trotzdem hat sies hinter den Ohren.
FRAU LEIMGRUBER zum Vertreter: So wird man unschuldig verleumdet.
VERTRETER halb zu sich: Der Einbruch der Plebejer. Der Untergang des Abendlandes -
Jetzt tritt aus der Tür links die Gattin des Stationsvorstandes, Frau Hudetz, mit ihrem Bruder Alfons, dem Drogisten. 
FRAU LEIMGRUBER grüßt: Guten Abend, Frau Vorstand!
FRAU HUDETZ Guten Abend, Frau Leimgruber. Sie unterhält sich leise mit Alfons.
FRAU LEIMGRUBER versucht zu horchen, kann aber nichts verstehen, wendet sich an den Vertreter, der neben ihr Platz genommen hat, und deutet versteckt auf Frau Hudetz, unterdrückt: Das ist die Gattin des Vorstandes.
VERTRETER desinteressiert: Interessant.
FRAU LEIMGRUBER Und der Mann ist ihr Bruder.
VERTRETER sieht gar nicht hin: Aha.
FRAU LEIMGRUBER gehässig: Brüderlein und Schwesterlein, die passen prima zusammen -
Nun läutet das Läutwerk wieder und Hudetz tritt rasch aus seiner Tür, wieder bedient er den Signalhebel und schon rast ein Zug vorbei, er salutiert und will ab, erblickt jedoch überrascht seine Frau und Alfons, die beiden Männer fixieren sich etwas, dann grüßt Alfons, Hudetz dankt und ab durch seine Tür.
FRAU HUDETZ leise zu Alfons: Er spricht seit Tagen kein Wort mehr mit mir.
ALFONS Nur Mut, Schwester.
FRAU HUDETZ Wirst sehen, ich werde noch verrückt.
ALFONS Du bist überreizt durch euren ewigen Streit.
FRAU HUDETZ Aber die Stimme, die ich höre -
ALFONS fällt ihr ins Wort: Wir hatten in unserer Familie keinen einzigen Fall von Geisteskrankheit. Deine Erregungszustände sind nur nervöser Natur und sonst nichts, das wird dir jeder Arzt bestätigen. Eure Ehe ist leider ein gordischer Knoten und es gibt nur eine Lösung.
FRAU HUDETZ unterbricht ihn: Hör auf damit! Daran darf ich gar nicht denken, daß er mit einer anderen Frau - ich hab ihm ja gesagt, noch bevor wir heirateten: überlege dir gut, habe ich gesagt, ich bin um dreizehn Jahre älter wie du und er hat gesagt, er hätt sich nichts zu überlegen.
ALFONS fällt ihr ins Wort: Und das war gelogen.
FRAU HUDETZ Damals noch nicht. Stille.
ALFONS Zwischen euch zwei hats noch nie gestimmt.
FRAU HUDETZ Aber ich laß mich nicht scheiden, hörst du, ich tat lieber über Nacht ganz weiß werden, ganz weiß —
ALFONS Nicht so laut. Er wirft einen mißtrauischen Blick auf Frau Leimgruber und redet dann leise auf FRAU HUDETZ ein.
FRAU LEIMGRUBER leise zum Vertreter, der sich in seine Notizbücher vertieft hat, rechnet und hört kaum hin: Das ist dir eine Kanaille — diese verhaßte Person - wie die den armen Vorstand quält, diesen kreuzbraven, beliebten Menschen - na das ist eine Affenschand.
VERTRETER   Soso.
FRAU LEIMGRUBER Immer sekkiert sie den Mann mit ihrer blinden Eifersucht und er traut sich schon kaum mehr ins Wirtshaus, weil sie ihm nachschleiccht und wenn ihn die Kellnerin anschaut, hat er die Höll zu Hause -
VERTRETER   Soso.
FRAU LEIMGRUBER Im Fasching hat sie da droben mal so geplärrt und geschrien, daß mans bis in den Ort hinein gehört hat, die hysterische Nocken - derweil hat er sie gar nicht angerührt und sie hat immer gebrüllt: »Er bringt mich um, er bringt mich um!« Meiner Seel, der gehört der Hintern verhaut, daß er nur so staubt.
VERTRETER horcht plötzlich auf: Was für ein Hintern?
FRAU LEIMGRUBER gekränkt: Geh, Sie hören mir ja gar nicht zu und ich erzähl Ihnen da Intimitäten.
VERTRETER Pardon. Stille.
ALFONS leise zu Frau Hudetz: Wie wärs denn, wenn du mal fortfahren würdest - ich seh dort ein Plakat, man kann jetzt relativ billig ans Meer.
FRAU HUDETZ verbittert: Mit was denn?
ALFONS Ich könnt dir was leihen, ich hab mir etwas gespart.
FRAU HUDETZ lächelt: Nein, du bist doch der Beste und der Liebste, wenn die Leut nur mal wüßten, wie gut du bist.
ALFONS Ich bin kein Heiliger. Aber die lieben Leut, das ist ein Fall für sich —
FRAU HUDETZ Ich kann sie nicht ausstehen.
ALFONS Das finde ich nur begreiflich.
FRAU HUDETZ Von mir aus könnten alle draufgehen -
ALFONS lächelt: Das ginge wieder zu weit.
FRAU HUDETZ lächelt lieb: Alle, alle - lebwohl, lieber Bruder.
ALFONS Überleg  dirs,  du  kannst  ans  Meer,  wenn  du nur , willst.
FRAU HUDETZ plötzlich ernst und hart: Nein, ich bleibe. Pa, Alfons! Ab durch die Tür links. Vertreter erblickt erst jetzt Alfons und starrt ihn an.
ALFONS sieht Frau Hudetz nach und murmelt dann vor sich hin: Leb wohl - Ab nach links, in Gedanken versunken.
VERTRETER schaut ihm nach und wendet sich wieder an FrauLeimgruber: War das jetzt nicht der Drogeriebesitzer?
FRAU LEIMGRUBER Derselbe.
VERTRETER Ein unangenehmer Mensch, wie der mich heut behandelt hat.
FRAU LEIMGRUBER Wie?
VERTRETER zuckt die Schulter: Das läßt sich nicht so definieren. Stille.
FRAU LEIMGRUBER Ja, der ist auch sehr verhaßt, dieser Drogist.
VERTRETER Mit Recht.
FRAU LEIMGRUBER Der und seine Schwester, denen geht man aus dem Weg. Immer Schneidens so stolze, gekränkte Gesichter, daß man sich direkt schuldig vorkommt, als hätt man ihnen was getan - aber man ist doch nicht verantwortlich dafür, daß er sein vieles Geld in der Inflation verloren hat und daß sie den Herrn Vorstand in eine unselige Ehe gepreßt hat - dreizehn Jahr ist sie älter wie er.
VERTRETER fällt ihr ins Wort: Dreizehn Jahr?
FRAU LEIMGRUBER Verführt hat sie diesen strammen, gebildeten Menschen, noch als ganz jungen Burschen. Ein Schandweib.
VERTRETER Jaja, die Herren Weiber, die bringen dich auf die Welt, und dich auch wieder um.
Nun kommt Ferdinand, ein Fleischhauer von auswärts, mit seiner Braut, der Wirtstochter Anna, rasch von links, beide sind etwas atemlos, denn sie sind fast gelaufen.
Ferdinand hastig zum Waldarbeiter, der seit einiger Zeit bereits apathisch ein großes Stück Brot verzehrt und an nichts denkt: Ist der Zug schon fort?
WALDARBEITER   Ah!
ANNA zu Ferdinand: Siehst du, ich habe dir gleich gesagt, der hat doch immer Verspätung. 
FERINAND Aber auf eine Verspätung soll man sich nicht verlassen.
ANNA hält die Hand auf ihr Herz: Gott, bin ich jetzt gelaufen.
FERDINAND besorgt: Tuts dir weh, dein Herzerl?
ANNA Nein, es klopft nur so rasch -
Ferdinand hält seine Hand auf ihr Herz und lauscht. Hörst es?
FERDINAND   Ja.
FRAU LEIMGRUBER leise zum Vertreter: Dort steht die Anna.
VERTRETER Was für eine Anna?
FRAU LEIMGRUBER Na, Ihr bewußtes halbes Kind.
VERTRETER erkennt Anna: Ach, die Wirtstochter. Meine einzige Kundschaft - Er grüßt Anna und murmelt dabei. Mein schönes Fräulein, darf ichs wagen - Anna dankt schüchtern.
FERDINAND zu Anna, mißtrauisch: Wer ist denn das?
ANNA Sag ich nicht.
FERDINAND Warum nicht?
ANNA Weil du dann wieder schimpfen wirst.
FERDINAND Ich schimpfe nie.
ANNA Oho!
Ferdinand fixiert den Vertreter.
VERTRETER wird es ungemütlich; leise zu Frau Leimgruber: Wer ist denn der Kerl, daß er so glotzt?
FRAU LEIMGRUBER Das ist der Anna ihr auswärtiger Bräutigam. Ein gewisser Ferdinand Bichler, ein Fleischhauer.
VERTRETER fühlt sich immer ungemütlicher: Ach, ein Herr Fleischhauer.
FRAU LEIMGRUBER Ein Mordstrum Mannsbild, aber ein sanfter Charakter. Nun öffnet Hudetz den Fahrkartenschalter.
VERTRETER atmet auf: Endlich! Er tritt an den Schalter und löst sich eine Karte.
FERDINAND zu Anna: Sags mir auf der Stell oder ich brech ihm das Genick.
ANNA lächelt: Also gut: das ist der Reisende, dem ich heut vormittag die Creme abgekauft habe. 
FERDINAND beruhigt: Also. Aber du brauchst doch keine Creme und kein Puder und kein nichts -
ANNA unterbricht ihn: Fängst schon wieder an? Stille.
FERDINAND etwas kleinlaut: Annerl. Ich mein ja nur, so zart wie dein rosiges Gesichterl, kann nichts Künstliches auf der Welt sein -
ANNA Erinnerst du dich an den letzten Film? Gott, hat mir die Frau gefallen.
FERDINAND Mir gar nicht.
ANNA Sag das nur nicht laut! Sonst blamierst dich noch tödlich. Stille.
FERDINAND traurig: Ach, Anna. Er legt seine Hand um ihre Schulter und blickt empor. Weißt, wenn ich unsere Sterndel seh, dann möcht ich immer bei dir sein.
ANNA blickt auch empor: Du siehst mich doch bald.
FERDINAND nickt traurig: In einer Woch. Und morgen beginnt wieder der Alltag, ich muß schon um viere aus den Federn -
ANNA Hast was zum schlachten?
FERDINAND Nur zwei Kälber -
Das Läutwerk läutet, Hudetz tritt rasch aus seiner Tür und öffnet die Bahnsteigschranke, der Waldarbeiter, Frau Leimgruber und der Vertreter begeben sich auf den Bahnsteig, Hudetz durchlöchert die Karten.
VERTRETER zu Hudetz: Ist das bei euch die Regel? Dreiviertel Stund Verspätung? HUDETZ zuckt die Schultern und lächelt. Desorganisation -
FRAU LEIMGRUBER zum Vertreter: Aber der Herr Vorstand ist doch unschuldig!
HUDETZ lächelt Frau Leimgruber an und hebt höflich die Hand an die Kappe. Der Personenzug fährt ein und hält.
FERDINAND zu Anna: Vergiß mich nicht! Er umarmt sie und ab auf den Bahnsteig.
Anna tritt langsam an die Schranke.
Hudetz gibt das Abfahrtssignal.
Der Zug fährt ab, das Läutwerk läutet.
Anna winkt langsam dem Zag nach.
Hudetz schließt die Bahnsteigschranke. 
ANNA betrachtet ihn plötzlich: Ist niemand gekommen? 
HUDETZ Nein. Er bedient das Signal und will wieder ab durch seine Tür. 
ANNA Herr Vorstand.  Warum beehren  Sie uns  eigentlich nicht mehr? Mein Vater meint schon, Sie hätten anderswo einen Stammtisch?
HUDETZ Ich komm zu nichts mehr, Fräulein Anna. Ich hab halt immer Dienst. 
ANNA Dann ists ja gut. Ich dachte schon, Sie kämen nicht mehr zu uns wegen mir.
HUDETZ ehrlich überrascht: Warum wegen Ihnen? 
ANNA Ich dacht wegen Ihrer Frau. 
HUDETZ Was hat meine Frau mit Ihnen zu tun? 
ANNA Sie mag mich nicht.
HUDETZ Geh, bildens Ihnen doch nichts ein! Er stockt plötzlich und starrt auf den ersten Stock hinauf.
Stille.
ANNA ironisch: Was ist denn dort droben? 
HUDETZ Nichts. 
ANNA Habens Angst, daß Sie Ihre Frau mit einem jungen Mädel sieht? Dürfens mit mir nicht sprechen? 
HUDETZ Sie müssens ja wissen.
ANNA Wenn Sie jetzt mit mir sprechen, kriegens morgen wieder einen Krach, was? 
HUDETZ Wer sagt das? 
ANNA Alle Leut.
Stille. 
HUDETZ fixiert sie: Ihr sollt endlich mal meine Frau in Ruh lassen, verstanden? Ihr alle und Sie, Fräulein Anna, erst recht. Sie sind überhaupt noch viel zu jung dazu, um da mitzureden -
ANNA spöttisch: Meinen Sie?
HUDETZ Sie werden erst noch manches lernen müssen, bis Sie anfangen werden, zu begreifen —
ANNA wie zuvor: Geh, unterrichtens mich ein bisserl, Herr Lehrer —
HUDETZ Sie werden schon von allein lernen, daß man niemand kränken darf, um nicht bestraft zu werden.
ANNA Jetzt redens gar wie der Herr Pfarrer - Sie lacht.
HUDETZ Lachens nur, wir sprechen uns noch — Er will ab.
ANNA Alle Leut lachen über Sie, Herr Vorstand. Sie fragen sich, was treibt er denn eigentlich, dieser fesche Mensch - immer steckt er in seinem Bahnhof, Tag und Nacht -
HUDETZ grimmig: Die Leut scheinen sich ja recht viel mit mir zu beschäftigen.
ANNA Ja, sie sagen, der Vorstand ist überhaupt kein Mann. 
Stille.
HUDETZ Wer sagt das?
ANNA Die ganze Welt. Nur ich nehme Sie manchmal in Schutz. Sie lächelt boshaft, küßt ihn plötzlich und deutet nach dem ersten Stock. Jetzt hat sies gesehen, daß ich Sie geküßt hab, was? Sie lacht. Jetzt gibts aber dann was? Sie lacht. Jetzt setzt es was ab, wie? Sie macht die Geste des Verprügelns.
HUDETZ starrt sie an: Wenn Sie jetzt nicht augenblicklich verschwinden, dann könnens was erleben!  ANNA Wollens mich umbringen? 
HUDETZ Lassens die blöden Ideen, weg von da! Er ergreift ihren Arm.
ANNA Au, lassens mich, Sie Grobian! Sie reißt sich los und reibt ihren Arm. Verstehns denn keinen Witz?
HUDETZ grob: Nein!
Jetzt fährt ein Eilzug vorbei. 
HUDETZ Himmel tu dich auf. - Er reißt einen Signalhebel herum, das Läutwerk läutet, er faßt sich ans Herz.
ANNA bange: Was ist denn passiert?
HUDETZ starrt vor sich hin, tonlos: Eilzug vierhundertfünf und ich vergiß das Signal – Er fährt sie an. Da habens Ihren Witz. Ich war immer ein pflichttreuer Beamter!
ANNA Es wird schon nicht gleich was passieren –
HUDETZ Halt den Mund! Ab durch die Tür.



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