Horváth,
Ödön von
DER JÜNGSTE TAG
Schauspiel in sieben Bildern von Ödön
von Horváth, Uraufführung: Mährisch-Ostrau, 11. 12. 1937,
Deutsches Theater. –
Thomas Hudetz, Bahnhofsvorsteher in einem größeren
Dorf, unglücklich verheiratet mit einer dreizehn Jahre älteren,
krankhaft eifersüchtigen Frau, wird von Anna, der hübschen Dorfwirtstochter,
in ein Gespräch verwickelt, und, ehe er sich's versieht, von ihr geküsst
– gerade in dem Augenblick, da er ein Signal hätte betätigen
sollen. Ein Eilzug rast am Bahnhofsgebäude vorbei und stößt
gleich darauf mit einem Güterzug zusammen. Frau Hudetz, Augenzeugin
des verhängnisvollen Kusses und der Folgen – achtzehn Fahrgäste
sind ums Leben gekommen – sagt vor Gericht gegen ihren Mann aus, Anna aber
schwört unter Eid, daß der Bahnhofsvorsteher das Signal rechtzeitig
betätigt habe. Freigesprochen, wird der heimkehrende Hudetz von seinen
Mitbürgern als Unschuldiger gefeiert. Anna, die sich mehr zu Hudetz
als zu Ferdinand, ihrem Verlobten, hingezogen fühlt, bittet den Bahnhofsvorsteher
um eine Zusammenkunft am folgenden Abend. An einem entlegenen Ort gesteht
die von Gewissensnöten heimgesuchte Wirtstochter, daß sie aus
dem Leben scheiden wolle. Hudetz, der jede Schuld am Unglück abstreitet,
vollzieht mit ihr die »Verlobung«, die sie beide, unbewusst,
schon früher herbeigewünscht hatten. In der Umarmung tötet
Hudetz, halb wie im Traum, die am Leben verzweifelnde Wirtstochter und
flieht. Während die Geister zweier Opfer des Zugunglücks Hudetz
zum Selbstmord zu überreden versuchen, beschwört der Geist Annas
ihn, weiterzuleben, und Hudetz stellt sich, seiner Schuld inne werdend,
dem Gericht.
Bild: Anne Schmidt-Krayer
Die
Personen des Dramas gehören, wie in allen Volksstücken Horváths,
dem armen Mittelstand an. Sie sind einander darin verwandt, daß sie
zur Reflexion, zur wahren Erkenntnis ihrer selbst, ihrer Umwelt und der
Tragweite ihres Tuns nicht oder erst zu spät fähig sind. Deshalb
verstricken sie sich immer tiefer in Schuld, eine allerdings mehr erlittene
als begangene Schuld. »Er hätt sich nichts zu überlegen«,
hatte Thomas Hudetz gesagt, als er seine wesentlich ältere Frau heiratete.
Dass er sie dann aber in der Ehe nicht begehrt, zeigt, wie sehr er und
seine Frau es sich vorher hätten überlegen müssen: »Du
warst um dreizehn Jahre älter, du musstest es wissen und fühlen.«
Aus diesem unreflektierten, »bewusstlosen« Verhalten der Figuren
wächst das unabwendbare, im Zugunglück kulminierende Verhängnis.
Sowenig Hudetz über seine künftige Ehe nachgedacht hat, sowenig
macht er sich bewußt, daß dann in der Ehe seine Gedanken immer
wieder zu Anna schweifen. Die tyrannische Eifersucht der Frau Hudetz entspringt
ihrem Wissen, daß Thomas sie nicht liebt und zum Treuebruch ständig
bereit ist, und dieser Umstand reizt wiederum Anna, dem Bahnhofsvorsteher,
den sie insgeheim liebt, einen Kuss zu geben: »Er hat das Signal
vergessen, weil ich ihm einen Kuss gegeben habe, aber ich hätt ihm
nie einen Kuss gegeben, wenn er nicht eine Frau gehabt hätte, die
er nie geliebt.« Der leichtsinnige Kuss als die Ursache des Zugunglücks
ist zugleich die notwendige Folge des schuldhaften Leichtsinns, daß
die Menschen nicht mit sich zu Rate gehen, daß sie ihre Gefühle
ebensowenig erhellen wie das Ausmaß ihres Tuns und sich und dem andern
verschleiern, was in ihnen vorgeht. Dieser Hang zum Verschleiern, Sich-Belügen
und Aneinander-Vorbeireden findet vorzugsweise in Horváths szenischen
und mimischen Anweisungen seinen Ausdruck. Die »Stille«, die
immer wieder in die Dialoge einbricht, deutet auf verschwiegene, dunkle
Gedankengänge, und das stets wiederkehrende Lächeln der Figuren
soll die Gemeinheit einer Absicht, einer Meinung oder einer Rede verdecken.
Im Verstummen und im Lächeln eröffnet sich die unheimliche Doppelbödigkeit
des Dialogs, der fast alle Personen bis zum Schluß verfallen sind.
Der Bahnhofsvorsteher wie seine Frau beteuern wiederholt ihre Unschuld,
aber die Schlaflosigkeit, an der Hudetz seit dem Unfall leidet und die
Hysterie seiner Frau zeugen von verdrängter Schuld. »Ich bin
mir keines Verbrechens bewußt«, erklärt Frau Hudetz, und
ihr Bruder antwortet hellsichtig: »Das hat nichts zu sagen. Du wirst
es halt vergessen haben.« Endgültig sein »Verbrechen«
vergessen will auch Hudetz, wenn er zuletzt Hand an die von Gewissensnot
gepeinigte und an sein Gewissen appellierende Wirtstochter legt. Dafür
bricht dann in Gestalt von Annas Geist das mühsam verdrängte
Bewusstsein der Schuld mit gesteigerter Vehemenz in ihm durch. Indem er
sich schließlich dem Gericht stellt, bestätigt er die schon
vorher von Anna formulierte mythische Gleichsetzung ihres gemeinsamen Schicksals
mit dem von Adam und Eva. Die Schuld erscheint als Ausdruck der Vertreibung
aus dem Paradies der Unschuld. Indem Horváth sie aus der Unkenntnis
der eigenen Triebe und Handlungen und aus der Verschlossenheit gegenüber
den Mitmenschen herleitet, deutet er zugleich indirekt die Möglichkeit
an, auf dem Wege er Erkenntnis des Selbst und der Umwelt eine neue Unschuld
zu gewinnen.
Textauszug
Der Jüngste Tag
Erstes Bild
Personen: Thomas Hudetz, Stationsvorstand • Frau
Hudetz • Alfons Hudetz, ihr Bruder, Drogeriebesitzer • Der Wirt zum »Wilden
Mann« • Anna, seine Tochter • Ferdinand, deren Bräutigam, ein
Fleischhauer von auswärts • Leni, Kellnerin beim »Wilden Mann«
• Frau Leimgruber • Ein Waldarbeiter • Ein Vertreter • Ein Gendarm • Kohut,
ein Heizer • Ein Staatsanwalt • Ein Kommissar • Ein Kriminaler • Ein Streckengeher
• Pokorny, ein seliger Lokomotivführer • Ein Gast • Ein Kind.
Schauplätze: Erstes Bild: Kleine Bahnstation
• Zweites Bild: Auf dem Bahndamm, wo zwei Züge zusammengestoßen
sind • Drittes Bild: Das Gasthaus zum »Wilden Mann« • Viertes
Bild: Beim Viadukt • Fünftes Bild: Im Gasthaus zum »Wilden Mann«
• Sechstes Bild: In der Drogerie • Siebentes Bild: Auf dem Bahndamm, wo
einst die beiden Züge zusammengestoßen sind.
In unseren Tagen.
Zwischen dem zweiten und dritten Bild liegen
vier Monate.
Pause nach dem fünften Bild.
Wir befinden uns vor einem Bahnhofsgebäude
und sehen von links nach rechts eine Tür, die nach dem ersten Stock
führt, einen Fahrkartenschalter und abermals eine Tür mit Milchglasscheiben
und der Überschrift »Stationsvorstand«. Daneben einige
Signalhebel, Läutwerk und dergleichen. An der Wand kleben Fahrpläne
und Reisereklame. Zwei Bänke. Rechts verläuft aus dem Hintergrunde
nach vorne die Bahnsteigschranke, aber die Schienen sieht man nicht - man
hört also nur die Ankunft, Abfahrt und Durchfahrt der "Züge.
Hier hält kein Expreß, ja nicht einmal ein Eilzug, denn der
Ort, zu dem dieser Bahnhof gehört, ist nur ein etwas größeres
Dorf. Es ist eine kleine Station, aber an einer großen Linie. Auf
den Bänken warten zwei Reisende: Die Bäckermeistersgattin Frau
Leimgruber und ein Waldarbeiter mit einem leeren Rucksack und einer Baumsäge.
Das Läutwerk läutet, dann wirds gleich wieder still.
Jetzt kommt ein dritter Reisender von links mit
Hand- und Aktentasche, ein Vertreter aus der Stadt. Er hält und blickt
auf die Bahnhofsuhr. Es ist neun Uhr abends, eine warme Frühlingsnacht.
VERTRETER tritt an den Fahrkartenschalter und
klopft, aber es rührt sich nichts, er klopft abermals, und zwar energisch.
WALDARBEITER Da könnens lang klopfen, der
macht erst knapp vor Abfahrt auf.
VERTRETER blickt wieder auf die Uhr: Hat denn
der Zug Verspätung?
FRAU LEIMGRUBER lacht hellauf, zum Waldarbeiter:
Was sagens zu dieser Frage?
WALDARBEITER grinst: Der Herr kommt vom Mond
- Zum Vertreter. Natürlich haben wir Verspätung, dreiviertel
Stund!
VERTRETER Dreiviertel Stund? Elende Schlamperei
- Er zündet sich wütend eine Zigarre an. FRAU LEIMGRUBER Es ist
eben alles desorganisiert -WALDARBEITER fällt ihr belehrend ins Wort:
Es kommt eben alles daher, weil immer nur abgebaut und abgebaut wird. -
Die werden noch so lange rationalisieren, bis überhaupt nix mehr fahren
wird.
VERTRETER bläst den Rauch von sich: »Rationalisierung«
- ein übles Kapitel.
WALDARBEITER Die schicken ja jeden zum Teufel,
das beste Menschenmaterial.
FRAU LEIMGRUBER wird plötzlich geschwätzig,
zum Vertreter: Zum Beispiel hier auf unserem Bahnhof: was meinens, wieviel
Personal wir da haben? Einen, einen einzigen Mann haben wir da.
VERTRETER perplex: Wieso dies? Nur einen einzigen
Beamten?
FRAU LEIMGRUBER Zum Glück ist unser Herr
Vorstand ein wirklich tüchtiger Mann, ein gebildeter, höflicher,
emsiger Charakter, ein selten strammer Mensch! Der scheut keine Arbeit,
er trägt die Koffer, vernagelt die Kisten, stellt die Weichen, steht
am Schalter, telegraphiert und telephoniert - alles in einer Person! Und
miserabel bezahlt ist er auch.
WALDARBEITER Wer?
FRAU LEIMGRUBER Na der Vorstand.
WALDARBEITER Miserabel nennen Sie das? Ich nenn
das eine königliche Gage - denkens doch nur an seine freie Dienstwohnung
da droben! Er deutet auf den ersten Stock. Der hat ja sogar einen Salon
und wenn er aufsteht, hört er die Vogerln zwitschern und sieht weit
ins Land — Er grinst. Jetzt läutet das Läutwerk und der Stationsvorstand
Thomas Hudetz tritt rasch aus seiner Türe, er bedient den Signalhebel
und schon rast ein Schnellzug vorbei, er salutiert und wieder ab.
FRAU LEIMGRUBER Das war der Expreß, der
hält nicht bei uns.
VERTRETER Kann ich ihm nachfühlen.
Wieviel Einwohner hat denn das Nest?
WALDARBEITER Zweitausenddreihundertvierundsechzig.
Stille.
FRAU LEIMGRUBER betrachtet den Vertreter, plötzlich:
Hats Ihnen bei uns nicht gefallen? VERTRETER Ich bin ein reisender Kaufmann,
liebe Frau, und das Schicksal hat mich weit in der Welt herumgetrieben,
aber eine solche fulminante Interessenlosigkeit wie hier bei euch, das
hab ich noch nirgends erlebt! Ihr seid mir schöne Ausnahmen!
FRAU LEIMGRUBER Was habens denn zu verkaufen?
VERTRETER Kosmetische Artikel.
WALDARBEITER Ha?
VERTRETER Schönheitsmittel.
WALDARBEITER Schönheit? Er grinst. Wir sind
uns schön genug.
VERTRETER Die Hauptsache ist, daß man sich
selber gefällt - Er wendet sich wieder an Frau Leimgruber. Eine einzige
Kundschaft hat sich meiner erbarmt - Er lächelt geschmerzt.
FRAU LEIMGRUBER sehr neugierig: Wer?
VERTRETER Das Fräulein Kellnerin beim Wilden
Mann.
WALDARBEITER überrascht: Die Leni? Also
das gibts nicht!
VERTRETER perplex: Warum soll es das nicht geben?
WALDARBEITER Weil die nicht so blöd ist,
daß sie sich so einen Schönheitsschmarren einreden läßt.
VERTRETER braust auf: Erlauben Sie mal! Im zwanzigsten
Jahrhundert —
FRAU LEIMGRUBER unterbricht ihn, zum Waldarbeiter:
Aber der Herr wirds doch wissen, wem er was verkauft hat.
VERTRETER empört: So eine kleine, schlanke
wars - noch ein halbes Kind.
FRAU LEIMGRUBER zum Waldarbeiter: Ach, der meint
die Anna!
WALDARBEITER Drum!
FRAU LEIMGRUBER zum Vertreter, geschwätzig:
Das ist nicht die Kellnerin, das ist die Tochter vom Wirt, die Anna! Sie
ist mit einem Fleischhauer verlobt, aber der ist von auswärts und
kommt nur einmal in der Woche.
VERTRETER Von mir aus.
WALDARBEITER Ich sag nur, die hats faustdick
hinter den Ohren.
FRAU LEIMGRUBER überrascht: Wer?
WALDARBEITER Na, die Anna. Höhnisch. Dem
Herrn sein halbes Kind!
FRAU LEIMGRUBER Aber wie könnens denn so
was sagen! Die Anna ist doch die personifizierte Unschuld in persona.
WALDARBEITER Unschuldig ist sie vielleicht schon,
aber trotzdem hat sies hinter den Ohren.
FRAU LEIMGRUBER zum Vertreter: So wird man unschuldig
verleumdet.
VERTRETER halb zu sich: Der Einbruch der Plebejer.
Der Untergang des Abendlandes -
Jetzt tritt aus der Tür links die Gattin
des Stationsvorstandes, Frau Hudetz, mit ihrem Bruder Alfons, dem Drogisten.
FRAU LEIMGRUBER grüßt: Guten Abend,
Frau Vorstand!
FRAU HUDETZ Guten Abend, Frau Leimgruber. Sie
unterhält sich leise mit Alfons.
FRAU LEIMGRUBER versucht zu horchen, kann aber
nichts verstehen, wendet sich an den Vertreter, der neben ihr Platz genommen
hat, und deutet versteckt auf Frau Hudetz, unterdrückt: Das ist die
Gattin des Vorstandes.
VERTRETER desinteressiert: Interessant.
FRAU LEIMGRUBER Und der Mann ist ihr Bruder.
VERTRETER sieht gar nicht hin: Aha.
FRAU LEIMGRUBER gehässig: Brüderlein
und Schwesterlein, die passen prima zusammen -
Nun läutet das Läutwerk wieder und
Hudetz tritt rasch aus seiner Tür, wieder bedient er den Signalhebel
und schon rast ein Zug vorbei, er salutiert und will ab, erblickt jedoch
überrascht seine Frau und Alfons, die beiden Männer fixieren
sich etwas, dann grüßt Alfons, Hudetz dankt und ab durch seine
Tür.
FRAU HUDETZ leise zu Alfons: Er spricht seit
Tagen kein Wort mehr mit mir.
ALFONS Nur Mut, Schwester.
FRAU HUDETZ Wirst sehen, ich werde noch verrückt.
ALFONS Du bist überreizt durch euren ewigen
Streit.
FRAU HUDETZ Aber die Stimme, die ich höre
-
ALFONS fällt ihr ins Wort: Wir hatten in
unserer Familie keinen einzigen Fall von Geisteskrankheit. Deine Erregungszustände
sind nur nervöser Natur und sonst nichts, das wird dir jeder Arzt
bestätigen. Eure Ehe ist leider ein gordischer Knoten und es gibt
nur eine Lösung.
FRAU HUDETZ unterbricht ihn: Hör auf damit!
Daran darf ich gar nicht denken, daß er mit einer anderen Frau -
ich hab ihm ja gesagt, noch bevor wir heirateten: überlege dir gut,
habe ich gesagt, ich bin um dreizehn Jahre älter wie du und er hat
gesagt, er hätt sich nichts zu überlegen.
ALFONS fällt ihr ins Wort: Und das war gelogen.
FRAU HUDETZ Damals noch nicht. Stille.
ALFONS Zwischen euch zwei hats noch nie gestimmt.
FRAU HUDETZ Aber ich laß mich nicht scheiden,
hörst du, ich tat lieber über Nacht ganz weiß werden, ganz
weiß —
ALFONS Nicht so laut. Er wirft einen mißtrauischen
Blick auf Frau Leimgruber und redet dann leise auf FRAU HUDETZ ein.
FRAU LEIMGRUBER leise zum Vertreter, der sich
in seine Notizbücher vertieft hat, rechnet und hört kaum hin:
Das ist dir eine Kanaille — diese verhaßte Person - wie die den armen
Vorstand quält, diesen kreuzbraven, beliebten Menschen - na das ist
eine Affenschand.
VERTRETER Soso.
FRAU LEIMGRUBER Immer sekkiert sie den Mann mit
ihrer blinden Eifersucht und er traut sich schon kaum mehr ins Wirtshaus,
weil sie ihm nachschleiccht und wenn ihn die Kellnerin anschaut, hat er
die Höll zu Hause -
VERTRETER Soso.
FRAU LEIMGRUBER Im Fasching hat sie da droben
mal so geplärrt und geschrien, daß mans bis in den Ort hinein
gehört hat, die hysterische Nocken - derweil hat er sie gar nicht
angerührt und sie hat immer gebrüllt: »Er bringt mich um,
er bringt mich um!« Meiner Seel, der gehört der Hintern verhaut,
daß er nur so staubt.
VERTRETER horcht plötzlich auf: Was für
ein Hintern?
FRAU LEIMGRUBER gekränkt: Geh, Sie hören
mir ja gar nicht zu und ich erzähl Ihnen da Intimitäten.
VERTRETER Pardon. Stille.
ALFONS leise zu Frau Hudetz: Wie wärs denn,
wenn du mal fortfahren würdest - ich seh dort ein Plakat, man kann
jetzt relativ billig ans Meer.
FRAU HUDETZ verbittert: Mit was denn?
ALFONS Ich könnt dir was leihen, ich hab
mir etwas gespart.
FRAU HUDETZ lächelt: Nein, du bist doch
der Beste und der Liebste, wenn die Leut nur mal wüßten, wie
gut du bist.
ALFONS Ich bin kein Heiliger. Aber die lieben
Leut, das ist ein Fall für sich —
FRAU HUDETZ Ich kann sie nicht ausstehen.
ALFONS Das finde ich nur begreiflich.
FRAU HUDETZ Von mir aus könnten alle draufgehen
-
ALFONS lächelt: Das ginge wieder zu weit.
FRAU HUDETZ lächelt lieb: Alle, alle - lebwohl,
lieber Bruder.
ALFONS Überleg dirs, du
kannst ans Meer, wenn du nur , willst.
FRAU HUDETZ plötzlich ernst und hart: Nein,
ich bleibe. Pa, Alfons! Ab durch die Tür links. Vertreter erblickt
erst jetzt Alfons und starrt ihn an.
ALFONS sieht Frau Hudetz nach und murmelt dann
vor sich hin: Leb wohl - Ab nach links, in Gedanken versunken.
VERTRETER schaut ihm nach und wendet sich wieder
an FrauLeimgruber: War das jetzt nicht der Drogeriebesitzer?
FRAU LEIMGRUBER Derselbe.
VERTRETER Ein unangenehmer Mensch, wie der mich
heut behandelt hat.
FRAU LEIMGRUBER Wie?
VERTRETER zuckt die Schulter: Das läßt
sich nicht so definieren. Stille.
FRAU LEIMGRUBER Ja, der ist auch sehr verhaßt,
dieser Drogist.
VERTRETER Mit Recht.
FRAU LEIMGRUBER Der und seine Schwester, denen
geht man aus dem Weg. Immer Schneidens so stolze, gekränkte Gesichter,
daß man sich direkt schuldig vorkommt, als hätt man ihnen was
getan - aber man ist doch nicht verantwortlich dafür, daß er
sein vieles Geld in der Inflation verloren hat und daß sie den Herrn
Vorstand in eine unselige Ehe gepreßt hat - dreizehn Jahr ist sie
älter wie er.
VERTRETER fällt ihr ins Wort: Dreizehn Jahr?
FRAU LEIMGRUBER Verführt hat sie diesen
strammen, gebildeten Menschen, noch als ganz jungen Burschen. Ein Schandweib.
VERTRETER Jaja, die Herren Weiber, die bringen
dich auf die Welt, und dich auch wieder um.
Nun kommt Ferdinand, ein Fleischhauer von auswärts,
mit seiner Braut, der Wirtstochter Anna, rasch von links, beide sind etwas
atemlos, denn sie sind fast gelaufen.
Ferdinand hastig zum Waldarbeiter, der seit einiger
Zeit bereits apathisch ein großes Stück Brot verzehrt und an
nichts denkt: Ist der Zug schon fort?
WALDARBEITER Ah!
ANNA zu Ferdinand: Siehst du, ich habe dir gleich
gesagt, der hat doch immer Verspätung.
FERINAND Aber auf eine Verspätung soll man
sich nicht verlassen.
ANNA hält die Hand auf ihr Herz: Gott, bin
ich jetzt gelaufen.
FERDINAND besorgt: Tuts dir weh, dein Herzerl?
ANNA Nein, es klopft nur so rasch -
Ferdinand hält seine Hand auf ihr Herz und
lauscht. Hörst es?
FERDINAND Ja.
FRAU LEIMGRUBER leise zum Vertreter: Dort steht
die Anna.
VERTRETER Was für eine Anna?
FRAU LEIMGRUBER Na, Ihr bewußtes halbes
Kind.
VERTRETER erkennt Anna: Ach, die Wirtstochter.
Meine einzige Kundschaft - Er grüßt Anna und murmelt dabei.
Mein schönes Fräulein, darf ichs wagen - Anna dankt schüchtern.
FERDINAND zu Anna, mißtrauisch: Wer ist
denn das?
ANNA Sag ich nicht.
FERDINAND Warum nicht?
ANNA Weil du dann wieder schimpfen wirst.
FERDINAND Ich schimpfe nie.
ANNA Oho!
Ferdinand fixiert den Vertreter.
VERTRETER wird es ungemütlich; leise zu
Frau Leimgruber: Wer ist denn der Kerl, daß er so glotzt?
FRAU LEIMGRUBER Das ist der Anna ihr auswärtiger
Bräutigam. Ein gewisser Ferdinand Bichler, ein Fleischhauer.
VERTRETER fühlt sich immer ungemütlicher:
Ach, ein Herr Fleischhauer.
FRAU LEIMGRUBER Ein Mordstrum Mannsbild, aber
ein sanfter Charakter. Nun öffnet Hudetz den Fahrkartenschalter.
VERTRETER atmet auf: Endlich! Er tritt an den
Schalter und löst sich eine Karte.
FERDINAND zu Anna: Sags mir auf der Stell oder
ich brech ihm das Genick.
ANNA lächelt: Also gut: das ist der Reisende,
dem ich heut vormittag die Creme abgekauft habe.
FERDINAND beruhigt: Also. Aber du brauchst doch
keine Creme und kein Puder und kein nichts -
ANNA unterbricht ihn: Fängst schon wieder
an? Stille.
FERDINAND etwas kleinlaut: Annerl. Ich mein ja
nur, so zart wie dein rosiges Gesichterl, kann nichts Künstliches
auf
der Welt sein -
ANNA Erinnerst du dich an den letzten Film? Gott,
hat mir die Frau gefallen.
FERDINAND Mir gar nicht.
ANNA Sag das nur nicht laut! Sonst blamierst
dich noch tödlich. Stille.
FERDINAND traurig: Ach, Anna. Er legt seine Hand
um ihre Schulter und blickt empor. Weißt, wenn ich unsere Sterndel
seh, dann möcht ich immer bei dir sein.
ANNA blickt auch empor: Du siehst mich doch bald.
FERDINAND nickt traurig: In einer Woch. Und morgen
beginnt wieder der Alltag, ich muß schon um viere aus den Federn
-
ANNA Hast was zum schlachten?
FERDINAND Nur zwei Kälber -
Das Läutwerk läutet, Hudetz tritt rasch
aus seiner Tür und öffnet die Bahnsteigschranke, der Waldarbeiter,
Frau Leimgruber und der Vertreter begeben sich auf den Bahnsteig, Hudetz
durchlöchert die Karten.
VERTRETER zu Hudetz: Ist das bei euch die Regel?
Dreiviertel Stund Verspätung? HUDETZ zuckt die Schultern und lächelt.
Desorganisation -
FRAU LEIMGRUBER zum Vertreter: Aber der Herr
Vorstand ist doch unschuldig!
HUDETZ lächelt Frau Leimgruber an und hebt
höflich die Hand an die Kappe. Der Personenzug fährt ein und
hält.
FERDINAND zu Anna: Vergiß mich nicht! Er
umarmt sie und ab auf den Bahnsteig.
Anna tritt langsam an die Schranke.
Hudetz gibt das Abfahrtssignal.
Der Zug fährt ab, das Läutwerk läutet.
Anna winkt langsam dem Zag nach.
Hudetz schließt die Bahnsteigschranke.
ANNA betrachtet ihn plötzlich: Ist niemand
gekommen?
HUDETZ Nein. Er bedient das Signal und will wieder
ab durch seine Tür.
ANNA Herr Vorstand. Warum beehren
Sie uns eigentlich nicht mehr? Mein Vater meint schon, Sie hätten
anderswo einen Stammtisch?
HUDETZ Ich komm zu nichts mehr, Fräulein
Anna. Ich hab halt immer Dienst.
ANNA Dann ists ja gut. Ich dachte schon, Sie
kämen nicht mehr zu uns wegen mir.
HUDETZ ehrlich überrascht: Warum wegen Ihnen?
ANNA Ich dacht wegen Ihrer Frau.
HUDETZ Was hat meine Frau mit Ihnen zu tun?
ANNA Sie mag mich nicht.
HUDETZ Geh, bildens Ihnen doch nichts ein! Er
stockt plötzlich und starrt auf den ersten Stock hinauf.
Stille.
ANNA ironisch: Was ist denn dort droben?
HUDETZ Nichts.
ANNA Habens Angst, daß Sie Ihre Frau mit
einem jungen Mädel sieht? Dürfens mit mir nicht sprechen?
HUDETZ Sie müssens ja wissen.
ANNA Wenn Sie jetzt mit mir sprechen, kriegens
morgen wieder einen Krach, was?
HUDETZ Wer sagt das?
ANNA Alle Leut.
Stille.
HUDETZ fixiert sie: Ihr sollt endlich mal meine
Frau in Ruh lassen, verstanden? Ihr alle und Sie, Fräulein Anna, erst
recht. Sie sind überhaupt noch viel zu jung dazu, um da mitzureden
-
ANNA spöttisch: Meinen Sie?
HUDETZ Sie werden erst noch manches lernen müssen,
bis Sie anfangen werden, zu begreifen —
ANNA wie zuvor: Geh, unterrichtens mich ein bisserl,
Herr Lehrer —
HUDETZ Sie werden schon von allein lernen, daß
man niemand kränken darf, um nicht bestraft zu werden.
ANNA Jetzt redens gar wie der Herr Pfarrer -
Sie lacht.
HUDETZ Lachens nur, wir sprechen uns noch — Er
will ab.
ANNA Alle Leut lachen über Sie, Herr Vorstand.
Sie fragen sich, was treibt er denn eigentlich, dieser fesche Mensch -
immer steckt er in seinem Bahnhof, Tag und Nacht -
HUDETZ grimmig: Die Leut scheinen sich ja recht
viel mit mir zu beschäftigen.
ANNA Ja, sie sagen, der Vorstand ist überhaupt
kein Mann.
Stille.
HUDETZ Wer sagt das?
ANNA Die ganze Welt. Nur ich nehme Sie manchmal
in Schutz. Sie lächelt boshaft, küßt ihn plötzlich
und deutet nach dem ersten Stock. Jetzt hat sies gesehen, daß ich
Sie geküßt hab, was? Sie lacht. Jetzt gibts aber dann was? Sie
lacht. Jetzt setzt es was ab, wie? Sie macht die Geste des Verprügelns.
HUDETZ starrt sie an: Wenn Sie jetzt nicht augenblicklich
verschwinden, dann könnens was erleben! ANNA Wollens mich umbringen?
HUDETZ Lassens die blöden Ideen, weg von
da! Er ergreift ihren Arm.
ANNA Au, lassens mich, Sie Grobian! Sie reißt
sich los und reibt ihren Arm. Verstehns denn keinen Witz?
HUDETZ grob: Nein!
Jetzt fährt ein Eilzug vorbei.
HUDETZ Himmel tu dich auf. - Er reißt einen
Signalhebel herum, das Läutwerk läutet, er faßt sich ans
Herz.
ANNA bange: Was ist denn passiert?
HUDETZ starrt vor sich hin, tonlos: Eilzug vierhundertfünf
und ich vergiß das Signal – Er fährt sie an. Da habens Ihren
Witz. Ich war immer ein pflichttreuer Beamter!
ANNA Es wird schon nicht gleich was passieren
–
HUDETZ Halt den Mund! Ab durch die Tür.
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