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Regisseur Schauspiel Oper |
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| Ernst Wendt ueber:
Marieluise Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt" Eine Menschenbeziehung, Verkettung zweier Hilfloser, versucht zur Liebesgeschichte zu kommen und verendet in einer sperrigen Mischung aus Kleinstadtkolportage und Erlöserdrama. Das Kleinbürgermädchen Olga, das ein uneheliches Kind bekommt und vergebens nach einer Abtreibung sucht; und der Knabe Roelle, von dem eine Mutter Liebe und die Kameraden Geld erpressen (welches er ihr stiehlt), ein ungelittener junger Mensch, der sich zum Messias stilisiert -; diese beiden aus der kleinstädtischen Gesellschaft Geworfenen treffen sich, schuldlos zu Schuldigen ernannt, in der Gemeinschaft der Aussätzigen. Aber die Zärtlichkeit, mit der sie einander suchen, verschwindet hinter den Aggressionen und den Wahnbildern, in die man sie getrieben hat. Statt zueinander bewegen sie sich im Verlauf des Stückes immer mehr voneinander weg, in die endgültigen Einsamkeiten; sie akzeptieren, jeder für sich, den Zustand der Unerlöstheit. Die Verständigung, die Liebe bleiben ausgeschlossen, und davon bleibt die Dramaturgie des Stückes nicht unberührt: der Dialog kreist unkommunikativ um die Motive seines eigenen Scheiterns, die Fabel, die unsere Erwartungen zufrieden stellen würde, verschwimmt, wird ständig aufgelöst vom Pathos, in das sich die beiden Figuren vor der ihnen unerreichbaren »Geschichte« flüchten. Marieluise Fleißer, die Ingolstädterin, vom jungen Brecht zum Schreiben animiert, später von den Nazis mundtot gemacht, heute zurückgezogen lebend, hat nach den »Pionieren in Ingolstadt« auch das früher geschriebene, 1926 an Moritz Seelers Junger Bühne uraufgeführte »Fegefeuer in Ingolstadt« noch einmal überarbeitet. Dem Brechtschen Motiv der Fremdheit zwischen den Menschen, der aussichtslosen Verständigungsversuche - von Brecht im Dickicht der großen Städte, von der Fleißer in der deutschen Provinz aufgesucht - gesellt sich in der neuen Fassung ein anderes bei: die vorsätzliche Tat, mit der die von der Gesellschaft bereits zugewiesene Schuld endlich bestätigt, angenommen und »geheiligt« wird die Begegnung der Fleißer mit den Stücken Genets hat da deutlich ihre Spuren hinterlassen und das Stück womöglich noch verquerer, geheimnisvoller und entschlusslos lyrisch gemacht. Immer wieder straucheln die Szenen, weil sich in ihnen zuviel auf einmal abbilden will: die Schuldvorwürfe, die sich nicht materialisieren, die metaphysischen Ausflüchte daraus und die sozialen Begründungen dafür verwickeln sich heillos, weil die Fleißer ihre Welt nicht auf einen Nenner bringen mag. Ihre eigenen leidenden Versuche, dem bösen Banalen zu entkommen, drückt sich dem Stück als redliche Unentschiedenheit ein. Doch andererseits ist dies ein wichtiges, auch ein aktuelles, zeitgenössisches Stück, dessen Verwirrungen eine hartnäckige Menschenbeobachtung und eine eigentlich anarchische Sicht auf gesellschaftliche Ausweglosigkeiten gegenübersteht. »Fegefeuer in Ingolstadt« kommt im rechten Augenblick auf die Bühne, um die Volks- und Heimatstücke der jüngeren deutschen Dramatik durch seine unauflösbare Verbindung von Detailzeichnung und süchtiger Irrealität zu korrigieren. Die neueren Darstellungen deutscher Provinz-Alltäglichkeit bei Sperr, Faßbinder, Bauer, Kroetz erweisen sich gegenüber dem Stück der Fleißer als schrecklich verfangen in der Kleinmütigkeit ihrer Gegenstände; sie weisen über die lethargischen Zustände, die in ihnen — mal lustig, mal triste - geschildert werden, kaum hinaus, sie bleiben perspektivelos. Die »Perspektive« der Fleißer freilich heißt: Hoffnungslosigkeit, Unbeweglichkeit, und der einzige Ausweg daraus: das Niemandsland wahnhafter Amoralität. Dieser Vorgang zeichnet sich in der Sprache des Stückes ab: wo Sperr seine bayerischen Landsleute denunziert, Faßbinder sich in eine schicke Identifikation mit ihnen einlässt und Kroetz sich mit den zerstörten Menschen solidarisiert - da »befreit« sich die Fleißer von ihren Figuren, indem sie sie hoffnungslos einsperrt in eine Sprache, die mit jedem Wort das verängstigte, demolierte, verzweifelte Bewusstsein zementiert. Jungen Leuten, gerade zwanzigjährig, sterben so vor unsern Augen die Hoffnungen weg; Zukunft wird ihnen mit Sätzen vernagelt, die ihr einziges Eigentum sind: ihr beschädigtes Leben, die unterdrückten menschlichen Möglichkeiten finden in ihnen einen — fadenscheinigen — Fluchtpunkt. In der Sprache der »Ingolstädter« zeigt die Fleißer auf, wie die Verzweiflung von Ohnmächtigen sich in den Wahn und in die Gebärden einer religiösen Revolte rettet, die ihr Heil ausgerechnet in jenem »Heil« zu finden glaubt, das zuvor an der Unterdrückung teilhatte. Ein Sprach-Exil, das ausgespannt ist zwischen Alltäglichkeit und Bibelpathos, zwischen Kleinstadtenge und Fegefeuer: dem ist mit einem Bühnenrealismus oder gar mit atmosphärisch ausgepinselten Milieuberichten kaum beizukommen. Die schnell wechselnden Haltungen in sich verstörter Menschen sind nur zu begründen als Motiv-Schwankungen innerhalb eines sozialen Gewebes, das sich ins Pathologische zerfranst und den einmal aus den Ordnungen herausgefallenen Figuren keine von ihnen als real akzeptierten Situationen mehr anbieten kann. Die Wirklichkeit der Ausgestoßenen ist so sehr infiltriert von jähen Wahrnehmungen, so sehr von den logischen Brüchen eines wahnhaften Selbstverständnisses strukturiert, daß Form und Wiedergabe dieses Textes notwendig davon bestimmt sind. Die Figuren suchen in expressiven, zupackenden Gesten und hoch ausgreifenden Sprachbildern eine Existenz - die einzige, die sie sich noch erobern können... Zurueck / back |
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