ueber mich
Fritz Gross
Regisseur Schauspiel Oper
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Delaney, Shelagh 
geboren am 1939, in Salford, Lancashire,England erhielt im Alter von 19 Jahren den Beifall der Kritik und hatte einen ebenso grossen Publikumserfolg mit ihrem Stueck:Bitterer Honig (A Taste of Honey 1958). Zwei Jahre später, erhielt sie den Drama Critics' Circle Award for the play's New York City production. Zwei Jahre später schrieb sie das Drehbuch für die Filmversion, die einen Akademiepreis gewann.  Am Alter von 23 war sie eine der berühmtesten Verfasser ihrer Zeit. Seit damals hat sie ihre bemerkenswerte Vielseitigkeit wiederholt gezeigt.  1963 produzierte sie eine Sammlung Kurzeschichten: "Sweetly Sings the Donkey", einige Fernsehenspiele, unter ihnen "Did your Nanny Come from Bergen?"(1970) und "St Martin's Summer" (1974) , Preise  fuer: "Charley Bubbles and Dance with a Stranger" (1982).  Hoerspiel: "So Does the Nightingale" (1980).
Textauszug aus: Bitterer Honig II. Akt
Rummelplatzmusik aus der Ferne. Jo und Goeff mit Luftballons. In Jo Wohnung.

Jo (läßt sich im unbeleuchteten Zimmer auf die Couch fallen)
 Laß mich hier liegen und weck mich erst in einem Monat wieder auf.
Goeff  (bleibt in der Tür stehen) Soll ich Licht machen? 
Jo  Nein. Untersteh dich.
Goeff   Wie hats dir auf dem Rummelplatz gefallen?
Jo  Himmlisch. Ich war seit Weihnachten auf keinem Rummel mehr.
Goeff  Die Karussells sind immer  noch in Betrieb. Hörst du die Musik?
Jo  Weißt du nicht, wo du hin sollst, Goeff ? Hast du keine Bleibe?
Goeff  Natürlich hab ich eine.
Jo  Na, warum stehst du dann so unschlüssig rum? Komm rein, wenn du willst, und mach die  Tür zu.
Goeff  Danke.
Jo  In der Küche sind ein paar Kekse, und 'ne Thermosflasche mit Kaffee. Hol sie doch mal,  ich bin zu müde.
Goeff  Wo ist denn die Küche?
Jo  Da.
Goeff  Ich muß Licht machen - man kann ja nichts sehen. 
Jo  Nein, kein Licht! Ich finde dieses geheimnisvolle Halbdunkel gerade schön.
Goeff  Also, versuchen wir's - vier Schritte vorwärts, dann rechts, dann links, einmal um die  Gasanstalt, durch den Friedhof und immer geradeaus am Bach entlang.
 (knallt gegen einen Stuhl)
Jo  Steck doch 'n Streichholz an, du verrückter Kerl.
 ( Goeff zündet eins an)
Goeff  Donnerwetter, das ist aber ne riesige Wohnung, was?
Jo  Teuer. Dafür arbeite ich den ganzen Tag im Schuhgeschäft, und die halbe Nacht in der Bar,  aber sie gehört mir, mir ganz allein.
Goeff  Das seh' ich, daß sie dir gehört - so wie das hier aussieht! Kein Wunder, daß du dich  weigerst, Licht zu machen. Wo sind denn die Tassen?
Jo  Im Abwasch.
Goeff  Ist die Wohnung nicht ein bißchen groß, für einen allein?
Jo  Wieso, willst du hier einziehen?
Goeff  Kaum.
Jo  Deine Wirtin hat dich wohl rausgeschmissen?
Goeff  Ach, Unsinn.
Jo  Ich hab mich nämlich gleich gewundert, warum du mich unbedingt nach Hause bringen  wolltest. - Warum hat sie dich  rausgeschmissen, Goeff ? - Du darfst hierbleiben, wenn du's  sagst.
Goeff  Ich war mit der Miete im Rückstand.
Jo  Du fängst gleich mit 'ner Lüge an.
Goeff  Ich lüge nie, merk dir das.
Jo  Ich will die Wahrheit wissen. Mit wem hat sie dich erwischt? Mit einem Mann?
Goeff  Du bist wohl verrückt!
Jo  Wenn du mir erzählst, wie du's machst, darfst du hierbleiben. Na, fang schon an - ich wollt  schon immer mal 'nen Schwulen kennenlernen.
Goeff  Scher dich zum Teufel. Gespräche dieser Art sind mir verhaßt.
Jo  Ich will wissen, wie, was und warum du's machst. Raus mit der Sprache, oder raus mit dir!
Goeff  Okay.
Jo  Goeff , nicht, bleib hier, Goeff! Es tut mir leid, ich bitte dich bleib.
Goeff  Rühr mich nicht an.
Jo  Ich wollte dich nicht verletzen, Goeff.
Goeff  Laß mich los.
Jo  Es ist mir ganz egal, was du machst. 
Goeff  Vielen  Dank.
Jo  Bitte, bitte, Goeff, bleib hier.
 (geht um Bettwäsche zu holen, er sieht ihr Skizzenbuch und blättert darin) 
Goeff  Sind das deine?
Jo  Nein - warum?
Goeff  Sie sind wie du.
Jo  Wie meinst du das?
Goeff  Kein Einfall, keine Gliederung, kein Inhalt. Mit einem Wort, nichts dahinter.Lauter sentimentales Zeug.
Jo  Ich - sentimental?
Goeff  Warum gehst du nicht auf eine vernünftige Schule?
Jo  Ich war nie auf einer Schule.
Goeff  Man muß dich in die Hand nehmen,...
Jo  Nein. Danke.
Goeff  Wieso, hat das schon mal jemand versucht?
Jo  Ja.
Goeff  Und?
Jo  Er ist kurz vor Weihnachten gekommen, und Neujahr wieder weggefahren.
Goeff  Hast du ihn gern gehabt?
Jo  - - -
Goeff  Hast du ihn geliebt?
Jo  Geliebt? Ich weiß nicht recht, was Liebe ist.
Goeff  Du bist in einem ziemlichen Dilemma, was?
Jo  Na, wenn schon.
Goeff  Willst du's nicht loswerden?
Jo  Nein, ich find das furchtbar.
Goeff  Wann ist es denn fällig?
Jo  Weihnachten ist es passiert.
Goeff  Also - September.
Jo  Ja.
Goeff  Hast du etwas Geld beiseite gelegt?
Jo  Nein. Das, was ich verdiene reicht nicht weit. Außerdem hör ich bald auf zu arbeiten.
Goeff  Und wovon willst du leben?
Jo  Darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen.
Goeff  Einer muß es ja tun. Außerdem hab ich dich gern .
Jo  Ich dich auch.
Goeff  Weiß deine Mutter davon?
Jo  Nein, wozu auch.
Goeff  Du mußt vor allen Dingen eine Babyausstattung haben, Wiege, Kinderwagen... Ich helf' dir  schon... Hast du was zu trinken?
Jo  Bier?
Goeff  Ja.
Jo  Whisky?
Goeff  Ja.
Jo  Gin?
Goeff  Ja. Hast du welchen?
Jo  Nein. - Hier - nimm noch'n paar Kekse.
Goeff  Spratts.
Jo  Jack Spratt, der aß kein Fett. Sein Weib aß niemals mager - drum in glücklichem Verein -  leckten sie den Teller rein. Was sagst du zu dieser tragischen Geschichte?
Goeff  Ich bin zu Tränen gerührt.
Jo  Jetzt bist du dran.
Goeff  Ein Jüngling in Thessalien
Tat was besonders Schlau's,
Sprang mitten in den Hagedorn,
Stach sich die Augen aus.
Und als er dieses Unglück sah,
Sprang er mit stolzem Sinn
Gleich in den nächsten Hagedorn, 
Da war'n sie wieder drin.
Jo  Wunderbar. Weißt du noch eins?
Goeff  Auf dem Berge Pippin Hill
 Stand ich ganz alleine.
 Kam vorbei 'ne schöne Maid -
 Schöner sah ich keine.
 Liebes Kind, schönes Kind,
 Du sollst niemals leiden.
 Hätt' ich nur was Geld im Sack,
 Ich gäb's dir mit Freuden.
Jo  Würdest du das tun?
Goeff  Mit Freuden.
Jo  Kinderreime sind albern.
Goeff  Mir gefallen sie. Zigarette?
Jo  Wieviele hast du denn noch?
Goeff  Zwei.
Jo  Nein, behalt sie. - (gähnt) Aaah, bin ich müde. Hoffentlich ist dir die Couch nicht zu  unbequem?
Goeff  Ich werd' schon schlafen.
Jo  Ich bin derartig müde, ich könnt im stehen schlafen. - Ich glaube auf diesem Ding ist es   nicht bequem.
Goeff  Es wird schon gehen. (zieht sich aus)
Jo  Hey, mach das Licht aus, sonst garantier' ich für nichts.
(Goeff macht das Licht aus, Jo summt leise)
Goeff  Jo?
Jo  Ja?
Goeff  Wie hat er eigentlich ausgesehen?
Jo  Ihr seid überhaupt nicht zu vergleichen. Er konnte singen, tanzen und war  kohlrabenschwarz.
Goeff  Ein  Neger?
Jo  Aus dem tiefsten Afrika! Ein Prinz!
Goeff  Ein was?
Jo  Ein Prinz. Sein Vater war ein berühmter Häuptling.
Goeff  Mach keine Witze.
Jo  Prinz Ossini.
Goeff  Wirklich?
Jo  Verlaß dich drauf.
Goeff  Gute Nacht.
Jo  Gute Nacht. - - Goeffrey! Goeffrey!
Goeff  Ja?
Jo  Man könnte meinen, du wärst meine große Schwester! 



Kritik meiner Inszenierung am Duesseldorfer Schauspielhaus
Theater Heute Mai 1986 
Wiederbegegnung mit einem Kultstück der Fünfziger Jahre: 
DAS LIED VON JOSEPHINE 
Shelagh Delaneys «Bitterer Honig», 1986 in Düsseldorf 
Shelagh Delaney war noch keine zwanzig Jahre alt, als 1958 ihr autobio- graphisch gefärbter Buehnenerstling «A Taste of Honey» in Joan Littlewoods Theatre Workshop uraufgeführt und alsbald im Londoner West End nach- gespielt wurde. Das Debüt-Stück war ein Riesenerfolg, den die berühmte Verfilmung von Tony Richardson 1961 noch verlängerte. Das alles ist bald dreißig Jahre her - klassisches Zeitmaß für das, was wir «eine Generation» nennen. Vor dreißig Jahren blickte Osborne «zurück im Zorn»; die Rock-n‘-Roll-Welle kündigte Revolten an, ein aufsässiger Geist in ganz Europa schickte sich an, die hehren Ideale bei der älteren Generation einzuklagen, die von ihr nach dem Krieg verkündet, nach dem Urteil der Jungen aber verraten worden waren. Gleichzeitig wollten die Jungen leben, leben, leben. Der Konformismus der Älteren, die sich im schwer erschufteten neuen Nachkriegswohlstand wohlig einzurichten begannen, rief den Nonkonformismus der Jungen auf den Plan. Das war die Grundsituation. Für die Jungen von heute, sind die Mittfünfziger Jahre nostalgisch geworden, ohne die entsprechende Erfahrung, hinter welcher der erlebte Krieg stand. Den Alten erscheinen die Jahre doppelbödig, von der Verklärung bis zum Menetekel. «Bitterer Honig» ist ein Produkt von damals und gewiß nicht für die Ewigkeit geschrieben. Merkwürdigerweise aber berührt es uns noch immer - oder es berührt uns schon wieder. Trifft es heute beim Wiedersehen als das Milieu- und Allerwelts-Stück, mit seinen Dauerthemen Verlassenheit, verratene Liebe und Brutalität, mit seiner Sinnsuche und der Sehnsucht nach Menschlichkeit? Oder als das Zeitstück einer inzwischen museumsreif gewordenen Epoche, deren Zeitgefühl partiell auf das heutige überschwappt? Das Zeitstück, das hinter allen «zwischen- menschlichen» Problemen im Grunde den Sozialprotest meint und die Suche nach der vermißten gesellschaftlichen Ethik? 
Shelagh Delaney erzählt eine Geschichte aus dem Slum-Viertel von Manchester. Im Mittelpunkt steht die siebzehnjährige Josephine, die rundum angeekelt ist und herummault. Sie ist die Tochter einer alleinstehenden. egoistischen Trinkerin, fast schon einer Prostituierten. Sie lebt mit ihr zusammen, aber sie empfindet ihr gegenüber nur Hass. Am Ende der Bühnengeschichte, der wir nun im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels begegnen, wird sie doppelt und dreifach verlassen sein. Josephine hat einen Freund, einen schwarzen Matrosen. Aber als sie von ihm ein Kind erwartet, ist er längst davon auf Nimmerwiedersehen. Inzwischen hat ihre Mutter die schäbige Mansarde verlassen, in der beide leben. Sie hat, überstürzt und panisch, eine Ehe geschlossen mit einem Luden-Typ, der dunkle Geschäfte betreibt und reich ist. Josephine hat einen neuen Freund gefunden, einen Kunststudenten mit homosexuellen Wünschen. Er ist ihr Seelenfreund, der die Wohnung in Ordnung hält und ihr einreden will, die Kunstschule zu besuchen, denn sie habe Talent. Aber Josephine, kurz vor der Niederkunft, ist mit anderem beschäftigt. Das Kind haben oder nicht haben mögen: «Ich will sein Kind nicht», sagt sie zum Freund Geoffrey (Arpad Kraupa spielt ihn mit verhalten-konzentriertem Ausdruck), «was hat denn das alles für einen Sinn?» Und sie behält es dann doch. Der kleine, schwere Friede von Geoffrey und Josephine wird gestört, als unerwartet und ungebeten die Mutter zurück- kommt: Sie wolle ihrer Tochter beistehen in den Wochen vor der Geburt. In Wahrheit ist ihre windige Ehe mit dem Ludentyp kaputt. Als sie hört, daß ihr Enkelkind das Kind eines Schwarzen sein wird, bekommt sie einen hysterischen Anfall. Marianne Hoika, in Düsseldorf allzusehr aufs Laszive festgelegt, ist da von einiger Vehemenz, findet aber bei anderen Passagen Momente, in denen sie sich aus dem Klischee befreit und Ambivalenzen spüren läßt. Jetzt stürzt sie. panisch gejagt von dem Gedanken an den schwarzen Bastard, ins Freie, in die Kneipe, ihre eigentliche Heimat. Der sensible Geoffrey hat sich schon kurz zuvor abgesetzt. Er hat die ebenso egozentrische wie exzentrische, aufgesetzte Eifersucht der Mutter nicht ertragen. Josephine ist allein. Die Wehen setzen ein. 
Erlebnis des Abends: Sabine Herken 
Das ist subtil und genau entwickelt. Auftritte und Abläufe stimmen; die sparsamen Dialoge sitzen. Die psychischen Motivationen und deren Wirkungen und Gegenwirkungen sind klug beobachtet und plausibel. Das Stück hat keinen falschen Ehrgeiz; es spiegelt nichts vor, bleibt bei sich selber und hat - auch das ist wieder erlaubt: «Atmosphäre». Dies gilt auch für die erste Regie-Arbeit von Fritz Groß, er lenkt den Blick auf viele Facetten der Gefühlswelt, vor allem ihre mit dem Milieu korrespondierenden Deformationen: das trostlose Zimmer mit der abgeblätterten Tapete, den schäbigen Türen, der tristen Aussicht aus dem Fenster (Bühnenbild Hans-Georg Schäfer). Neben einer geschlossenen Ensemble-Leistung (mit Adolphos Sowah als Josephines schwarzer Liebhaber) ist das Erlebnis des Abends Sabine Herken. Sie ist von hoher und genauer Ausdruckskraft. Sie ist verloren, und die Bühne liegt da in Verlorenheit. Sie ist aggressiv, etwa gegen den Freund der Mutter, den Matthias Friedrich überlegen zu einem Backpfeifen-Smiley macht, einer Schlagetot-Seele aus dem Groß- stadtdschungel - und schon herrscht Revoltestimmung. Sie freut sich auf das Baby und sie hat den Ausdruck ahnender Innigkeit; gleich danach schlägt sie die Freude in sich tot: Da ist nicht nur die Angst vor morgen im Raum, auch die vor sich selber und vor dem, was die Welt aus ihr gemacht hat. 
Hans Schwab-Felisch 

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