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Fritz Gross
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Die Legende von Barlaam und Josaphat. 

Das Leben des indischen Religionsstifters Siddhartha mit dem Geschlechtsbeinamen Gautama, der mit 29 Jahren Weib, Kind und Reichtum verließ, nach sieben Jahren Wanderns als Bettelasket unter einem Feigenbaum eine Erleuchtung hatte und seitdem als »Buddha« (= der Erleuchtete) lehrte, ist von seinen Anhängern bald märchenhaft ausgestaltet worden. Eine der Buddha-Legenden gelangte durch ihre Transponierung ins Christliche zu großer literarischer Bedeutung. Sie entstand wahrscheinlich im 6. nachchristlichen Jahrhundert in Afghanistan und erzählt, daß bei der Geburt des Prinzen Joasaph. (Josaphat) eine Weissagung dem heidnischen Vater kundtat, der Sohn werde Christ werden. Josaphat wurde daraufhin fern von der Welt und ihren Leiden erzogen, aber durch die Begegnung mit einem Aussätzigen, einem Blinden und einem Greis lernte er doch Alter, Krankheit und Tod kennen. Der Einsiedler Barlaam weist ihn auf die Werte des Christentums hin, indem er ihm Parabeln erzählt, an denen die Vergänglichkeit der Welt sichtbar wird. Josaphat tritt nicht nur selbst zum Christentum über, sondern bekehrt auch seinen Vater und sein Volk, verzichtet auf die Herrschaft und wird Einsiedler. 



Die Legende ist frei von dogmatischer Einfärbung, sie spricht nur .vom »wahren Glauben« und konnte daher in den verschiedensten Konfessionen Aufnahme finden. Dir Hauptthema ist die asketische Lebenshaltung sowie die Lösung moralischer und philosophischer Lebensprobleme. Nur in den christlichen Varianten wurde Barlaam zu einem kirchlichen Helden. 
Der Stoff gelangte nach Persien, wurde ins Pehlevi übersetzt und dann ins Syrische, Arabische, Armenische, Hebräische. Der spanische Rabbi IBN CHISDAI (l. Hälfte 13. Jh.) verarbeitete ihn zu einem Gedicht Fürst und Derwisch. Eine direkt aus dem Buddhismus übernommene Fassung findet sich in einigen Texten der Reisebeschreibung des MARCO POLO (Ende 13. Jh.); sie ist der Schilderung Ceylons angefügt. 
Die in Westeuropa verbreitete griechische Version, die eine arabische Vita des JOHANNES DAMASCENUS (1085) diesem zuschrieb und die auf Grund philologischer Kriterien ihn wohl auch tatsächlich zum Verfasser hat, zeichnet sich durch Kontrastierung der Charaktere, Spannung und maßvolle Didaktik aus und gab die Grundlage der zahlreichen Fassungen des europäischen Mittelalters ab. Über die lateinische Übersetzung des ANASTASIUS, die auch den verkürzten Fassungen des VINZENZ VON BEAUVAIS und der Legenda aurea zugrunde liegt, drang der Stoff in die Volkssprachen. Erhalten sind die Bearbeitung des RUDOLF VON EMS (um 1220) und der etwa in der gleichen Zeit entstandene Laubacher Barlaam des Bischofs OTTO II. VON FREISING, die Verserzählung des Gui DE CAMBRAY (l. Hälfte 13. Jh.), eine provenzalische Version (14. Jh.) sowie die anglonormannische des CHAKDRY, ferner die italienische stark verkürzte sogenannte Vita und die vollständigere Storia. Unter den spanischen Bearbeitungen steht gesondert des Infanten Don JUAN MANUEL (1282-1348) Libro de los estados, in dem der asketische Stoff in einen weltbejahenden, eine Fürstenlehre, umgeschmolzen wurde. Die Handlung basiert nicht auf einer umgangenen Prophezeiung und auf weltferner Erziehung, sondern auf dem Wunsche des heidnischen Königs, seinen Sohn vor der Begegnung mit dem Tode zu schützen. Die Seele für den Tod zu wappnen ist dann der Grund für des Thronfolgers Taufe. Ins Weltliche transponiert wirkte das Handlungsschema des Barlaam - und - Josaphat - Stoffes auch auf El Caballero Zifar (um 1300), den ersten spanischen Ritterroman. 
Barlaam und Josaphat wurden als christliche Heilige empfunden und 1583 in das Martyrologium Romanum aufgenommen. Jacobus Billius übersetzte 1577 die Legende nach dem griechischen Original erneut ins Lateinische, sein Bruder Jean Billius schuf 1578 eine französische Prosafassung, und im gleichen Jahr entstand außerdem ein deutscher Prosaroman in engem Anschluß an Johannes Damascenus. Zwei französische Mysterienspiele und die gleichfalls ins 
15. Jahrhundert gehörigen italienischen Dramen des Socci PERRETANO und des Bernardo PULCI bezeugen die Verwendung des Stoffes auf dem mittelalterlichen Theater, der auch auf der Barockbühne, besonders im Jesuitendrama, durch seine asketische Tendenz große Bedeutung erlangte. Spanien brachte eine ganze Reihe von Dramatisierungen hervor, die sich meist um den Kampf zwischen Bekehrung und Verführung (durch eine Königstochter) bewegen und mit dem Sieg des tugendhaften Prinzen enden. Die früheste Dramatisierung, die nur fragmentarisch erhalten ist, entstand im Jesuitenkolleg von Sevilla (Tragicomedia Tanisdorus Ende 16. Jh.) und enthält noch nicht das Verführungsmotiv, das LOPE DE VEGA (Comedia de Barlán y Josafá) benutzt, der Josaphat durch eine Vision des Jenseits gerettet werden läßt; die Königstochter bekehrt sich und wird eine Heilige. Unter Lopes Einfluss stehen Diego de VILLANUEVA/Josef de LUNA (Comedia famosa El Principe del desierto, y hermitano de Palacio), in deren Stück der Prinz sogar der Versucherin widersteht, als sie anbietet, sich taufen zu lassen; auch hier wird sie zur Büßerin. Ein anonymes Stück Los dos Luceros de Oriente zeigt einen zwischen Liebhaber und Grübler schwankenden Prinzen, der, wie in der vorigen Comedia, am Schluß von Engeln in den Himmel getragen wird. Der üblichen Handlungsführung scheint auch El Prodigio de la India, San Josafat gefolgt zu sein. Zweifellos haben die Dramatisierungen des Stoffes mit dem Motiv vom eingeschlossenen Prinzen auf CALDERONS La vida es sueno (1635) gewirkt, jedoch war die Rückwirkung von Calderons Stück auf die Entwicklung der Barlaam-Dramen stärker. An Stelle des Palastes, in dem der Prinz eingeschlossen ist, lebt er nun in der Einöde (Anon., Los Defensores de Cristo 1646). Auch in Deutschland wandten sich bedeutende Dramatiker des Jesuitenordens, der die Barlaam-Dramen für die Indienmission nutzte, dem Stoffe zu (Münchener Josaphat 1573; J. BIDERMANN, Josaphat 1619; J. MASEN, Josaphatus 1647); bei Bidermann befiehlt Josaphats Vater einem Diener, den Barlaam zu spielen und den Glauben zu leugnen, aber die List misslingt, der Diener bekehrt sich und geht mit dem Prinzen und Barlaam in die Einöde. 
Die in die Legende eingeschobenen, vorwiegend altindischen Parabeln haben zum Teil in der abendländischen Literatur als selbständige Erzählstoffe eine eigene Entwicklung durchgemacht. Am bekanntesten wurde wohl die Geschichte vom Mann im Brunnen, die F. RÜCKERT in Parabel (1823) und unter seinem Einfluss V. A. ZUKOVSKIJ in seinem Gedicht Zwei Geschichten nachschuf. L. N. TOLSTOJ hat das Thema leitmotivisch in seiner Beichte (1882) verwendet. 


H. HESSES indischer Erlösungssucher Siddharta (1922) trägt den Namen als Zeichen der Verehrung, aber auch als Kampfansage. 
E. Kühn, Barlaam und Josaphat, (Abhandl. der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, philosoph.-philol. Klasse 20) 1894; 
J. Klapper, Barlaam und Josaphat, (Verfasser-Lexikon der deutschen Literatur des Mittelalters I) 1933; 
F. Dölger, Der griechische Barlaam-Roman ein Werk des H. Johannes von Damaskos, 1933; 
J. M. Fischer, Buddha in der neueren deutschen Dichtung, (Orplid i) 1924/25; 
G. Moldenhauer, Die Legende von Barlaam und Josaphat auf der iberischen Halbinsel, 1929; 
W. B. Henning, Die älteste persische Gedichthandschrift: eine neue Version von Barlaam und Joasaph, (Akten des 24. internationalen Orientalistenkongresses) 1957; 
Hiram Peri (Pflaum), Der Religionsdisput der Barlaam-Legende, ein Motiv abendländischer Dichtung, Salamanca 1959; 
T. Sklanczenko, The Legend of Buddha's Life in the works of Russian Writers (Etudes slaves et Est-Europeennes 4) 1960. 


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